Dezember 1978

Mittwoch, 20. Dezember 1978

Dezember 1978

Ich habe die 3 1/2 Wochen überstanden. Jetzt ist es kurz nach halb acht.
Ich fange schon an, nervös zu werden. Aber wahrscheinlich kommt er heute überhaupt nicht. Ich habe extra eine Flasche Sekt gekauft. Die ein Hälfte für heute abend. Wenn ich ihn dann treffe, wird es mir vielleicht nicht so schwer fallen, mit ihm zu reden. Falls er heute nicht kommt, trinke ich morgen abend die andere Hälfte zur Vorbereitung.
Es ist schon lustig: damals, als mir das mit den Italienern passiert war, habe ich mir geschworen, nicht eher wieder hinzugehen, bis ich einen Freund habe, und dann mit ihm zusammen. Als ich das erste Mal wieder dort war, war ich mit Volker zusammen, zwar nicht mein Freund, aber es mußte doch wohl so aussehen, da ich mit ihm allein war. Das hat mich ehrlich gefreut.
Letzten Freitag war ich in Mainz, Weihnachtsgeschenke kaufen. Für mich habe ich natürlich auch etwas gekauft. „Etwas“ ist gut, ziemlich viel sogar: einen Shetland-Pulli, eine Bluse, einen Silber-Ring, und das Beste, sozusagen mein Weihnachtsgeschenk an mich: eine Kette aus Muscheln, Indianerschmuck, wie Volker sie auch hat. Heute abend werde ich sie zum ersten Mal anziehen. Meine Nervosität wächst. Ich spüre ein merkwürdiges Gefühl im Magen, eine Leere, als ob sich etwas zusammenzieht, und ab und zu läuft ein Kribbeln durch den ganzen Körper. Hoffentlich ist es nicht umsonst.

Freitag, 22.12.78

Wie recht hatte ich doch!
Am Mittwoch ging ich also gegen viertel vor neun los. An der Kreuzung traf ich Christa und Iris. Sie waren schon hinten an der Halle gewesen, doch ein Typ war ihnen nachgelaufen, und sie bekamen es mit der Angst zu tun, zumal sonst noch niemand dort war. Wir gingen nun erst einmal zu L.s, um zu fragen, ob überhaupt Training ist (Fußball!), sie meinten ja, wir gingen zu Porky, doch er und Conny waren schon weg. Christa hatte Angst, also gingen Iris und ich allein hin, das letzte Stück fuhren wir mit Wille. Natürlich war Volker nicht da, und an diesem Abend war extrem wenig los. Die Männer spielten Fußball (zu fünft), und wir vier oder fünf anderen spielten Volleyball, aber keiner hatte so richtig Lust.
Donnerstag nachmittag war ich mit Kofferpacken und Geschenke einpacken beschäftigt. Ich hatte beschlossen, vorher keinen Sekt zu trinken. Die halbe Flasche gestern und anschließend noch ein paar Becher waren zu viel gewesen. Am Donnerstag morgen fühlte ich mich hundeelend. Auf dem Weg zur Halle hoffte ich, Volker zu treffen, was natürlich nicht geschah.
Als ich ankam, waren von den Mädchen nur Conny und Marita da. Da die Handballer kein Training hatten, waren wir heute in der Umkleidekabine, die die Männer sonst Donnerstags benutzen. Deshalb wollten auch die meisten zu uns in die Kabine, was uns natürlich amüsierte. Als wieder einmal die Tür aufging, hatte ich allen Grund, mich zu freuen. Es war Volker! Nachher beim Training ergab sich keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Wir waren schon etwas früher mit dem Duschen fertig als die Männer, wie gewöhnlich, wollten aber noch auf sie warten.
Es gab bei ihnen wieder mal Bier, wir bekamen natürlich auch etwas. Joe und Porky und G. und auch einige andere kamen dann rüber. Endlich, als wir dann aufbrachen, sah ich Volker. Aber wir sagten nur kurz „Hallo“ zueinander, und mir war klar, daß ich das Pech hatte, immer an solche Typen zu geraten (siehe Joe). Wir standen noch draußen im Gang, als Joe zu G. sagte, er habe heute eine neue Genesis-LP bekommen, „Nursery Crime“. Worauf ich natürlich gleich verkündete, die habe ich auch. Dadurch entdeckten wir drei unseren gemeinsamen Geschmack: wir sind GENESIS-Fans.
Im Eigenheim saß ich zwischen Joe und Arno, die beide schon ziemlich zu waren. Volker unterhielt sich die ganze Zeit mit Pia und Wolfgang, nur ein paarmal sahen wir uns lange an. Kurz bevor wir gehen mußten setzte sich Martin zu mir, der Physik studiert. Als wir dann schließlich alle gingen, hoffte ich immer noch auf eine Gelegenheit, mit Volker zu reden. Aber ich hatte auch ein bißchen Angst, denn er schien es nicht zu wollen.
Zufälligerweise ging Martin mit mir zusammen nach draußen. Er fragte mich, wie ich denn nach Hause komme, und schlug vor, mich zu fahren. Ich war nicht so einverstanden und meinte, ich könne laufen. Volker war inzwischen auch herausgekommen. Er fragte mich, ob ich schon wisse, wie ich nach Hause komme. Er könne mich fahren. Martin stand leider auch noch da und warf sofort ein, daß er mir das auch schon angeboten habe. Ich mußte mich jetzt entscheiden. Martin tat mir leid, aber da war sowieso nichts drin, auch nicht ohne Volker.
Also fuhr Volker mich nach Hause. Wir saßen zuerst noch eine zeitlang im Auto. Er sagte, er hätte eigentlich schon viel früher etwas von sich hören lassen, aber er hatte meinen Namen vergessen und konnte folglich nicht anrufen. Außerdem waren die letzten Tage ziemlich hektisch, da er entlassen worden war und anschließend gefeiert wurde. Wir tauschten unsere Adressen aus, denn wir wollen uns natürlich schreiben. Er fährt am 2. Jan. mit seinem Bruder zum Jenner, anschließend 2 oder 3 Tage nach Kaprun und wird am 11. oder 12. wieder zurück sein.
Ich hatte eiskalte Hände und sagte ihm das auch. Kurz darauf fragte er mich, ob wir denn nicht noch mal zu mir reingehen könnten. Was meine Eltern wohl dazu sagen würden. In diesem Punkt konnte ich ihn allerdings beruhigen; denn ich habe ja mein Zimmer unten. Dann versicherte er mir (und das finde ich besonders toll), daß ich keine Angst zu haben brauche, daß nichts gegen meinen Willen geschehen soll. So weit sei er schon emanzipiert. Ich sagte ihm, ich habe keine Angst, was zwar nachher nicht mehr so ganz stimmte, aber bis jetzt hat mir die Erfahrung gefehlt. Ich fand es aber ganz lieb, daß er mir ein bißchen geholfen hat. Bloß nachher mußte ich innerlich grinsen, weil er fast eingeschlafen wäre und er hat sogar geschnarcht. Ich muß jetzt noch darüber lachen, finde es aber kein bißchen abstoßend, vielleicht ein Zeichen dafür, daß ich ihn liebe.
Kurz nach drei entschloß er sich widerwillig, nach Hause zu fahren. Er versprach, mich anzurufen, wenn er wieder zu Hause ist. Was ich bei ihm gut finde ist, daß er vieles akzeptiert, was z. B. Uli nie getan hat, wie die Tatsache, daß ich an einigen Stellen zu viel Fett habe. Wir passen eben viel besser zusammen. Er ist ja auch ein Steinbock. Meinen Eltern habe ich nicht erzählt, daß Volker noch mal bei mir war. Ich weiß nicht, wie sie das aufnehmen würden. Außerdem ist es meine Privatangelegenheit.
Heute habe ich mal kurz in die Bildzeitung geschaut. Die Horoskope habe ich zur allgemeinen Amüsierung vorgelesen (fast in jedem steht, man solle mit irgend etwas maßhalten).
Dann fand ich noch etwas: ein Extra-Horoskop für Geburtstagskinder. Dabei konnte ich endlich verkünden, daß ich jemanden kenne, der heute Geburtstag hat und daß dieser Jemand Volker ist. Mutti fragte, ob er denn schon vom Bund zurück sei, und ich sagte, ja, er sei schon Donnerstag beim Training gewesen. Sie meint, Steinböcke seien gute Menschen, mit denen man gut reden kann, und die sehr verträglich sind. Das trifft bestimmt zu. Nur habe ich in dem Mordillo-Kalender gelesen, daß man versuchen soll, die Steinböcke bei guter Laune zu halten. Ich glaube, das ist auch richtig, sonst reagieren sie sauer. Jedenfalls sollen Steinböcke und Löwen gut zusammen passen.
Am Freitag, als Volker gegangen war, mußte ich mein Versprechen einlösen, das ich mir selbst gegeben hatte: wenn ich einen neuen Freund habe, zünde ich die Dänemark-Kerze an und trinke Sekt. Sozusagen eine kleine private Feier. Ich habe den Rest Sekt vom Mittwoch getrunken und GENESIS gehört.
Am Freitag morgen hatte ich das Gefühl, ein nasser Sack zu sein und nie mehr aus dem Bett zu kommen. Ich schaffte es schließlich doch. Nur Autofahren konnte ich nicht, aber ich war sowieso nicht wild darauf, ein vollgepacktes Auto mit 4 Personen und Hund zu fahren. Nein Danke!
Als wir gestern (heute ist Samstag) hier in Tiefenbach ankamen, sah es ziemlich mies aus. Kaum Schnee. Aber wie Onkel Heinz sagte, könne man am Nebel-, Fellhorn, im Walsertal Skilaufen. Mir hat es jedenfalls schon gereicht. Als ich heute morgen aufwachte, dachte ich, ich sehe wohl nicht recht: draußen war alles weiß, und es schneite noch immer! Ich sprang regelrecht aus dem Bett, was mir sonst nie passiert.
Etwa um elf fuhren wir nach Riezlern auf die Skiwiese. Zuerst war es noch bewölkt, doch dann kam die Sonne heraus. Wir hatten das schönste Wetter und es war angenehm warm.
Zu Anfang hatte ich ziemliche Schwierigkeiten mit dem Skilaufen. In einem Jahr verlernt man doch ziemlich viel, es fehlt an Übung. Aber dann am Ende, gegen drei Uhr, ging es schon wieder ganz gut. Und es macht Spaß!
Ich würde mich gern freuen, Volker wiederzusehen, und das tue ich auch, aber gleichzeitig muß ich daran denken, daß dann die Schule wieder anfängt, sozusagen der Endspurt. Ich bin froh, wenn es vorbei ist.
Elke werde ich dann auch wieder mal besuchen. Sie hat jetzt schon ihr Abi, mit einem Durchschnitt von 1,2. Nein danke, lieber nicht, wenn man bedenkt, daß ein ziemlicher Druck von den Eltern ausgeht. Das hielte ich nicht durch, denn ich bin viel zu faul.

Sonntag, 31.12.78

Fünf Tage sind wir Ski gelaufen! Dann war es aus! Die ganze Zeit hat es schon getaut, aber der Schnee reichte noch zum Skilaufen. Am Donnerstag fing es an zu regnen, und jetzt ist es überall grün. In Norddeutschland Schneestürme. Katastrophengebiet. Temperaturstürze. Die Kältezone verschiebt sich ständig weiter nach Süden. Bald wird es auch hier schneien. Donnerstag waren wir in Rohrmoos essen. ZDF war auch dort, filmte für Kindersportsendung (Skispringen, u. a. mit Heini I.).
Dienstag habe ich einen Brief an Volker geschrieben. Er muß ihn jetzt schon längst haben. Das war eine schöne Quälerei, denn ich hatte die größten Schwierigkeiten, meine Gefühle auszudrücken, ohne zu übertreiben.
Sonst geht mir hier alles ziemlich auf die Nerven. Niemals kann ich allein sein, wie zu Hause in mein Zimmer gehen und Platten hören. Es kotzt mich an, ständig jemanden um mich herum zu haben, und bei den geringsten Anlässen reagiere ich sauer.
Die einzige Hoffnung ist, daß es bald Schnee gibt. Vielleicht werden wir eingeschneit. Das wäre super. Ein paar Tage länger würde ich schon hierbleiben.

Sprüche, die ich auf Schultischen gefunden habe:
The higher they climb
the harder they fall.
„Und in der guten Stube drinnen
da rinnt des Försters Blut von hinnen.“
(aus dem Adventsgedicht von Loriot)
„Wir sind die schwarzen Hasen,
wir bringen dich unter den Rasen.“
(Die schwarzen Hasen aus Pinocchio)
Es ist lang, dünn und rot und liegt in der Wüste.
Was ist das?
(Regenwurm mit Sonnenbrand)
Langeweile macht sich breit
Langeweile ist ausgebrochen in der Stadt
kommt angekrochen und sie hat keine Eile,
(Hannes Wader)
Wir füllen unseren Swimming-Pool
mit dem Blut der CDU!
Die Stunde ist bald wieder ‚rum,
der Lehrer redet dusslig ‚rum,
so geht das nun tagein tagaus,
in 1 Jahr ist die Schule aus.
„Ist ja übel“,
sprach der Dübel
und verschwand
in der Wand.
„Nein, nein“, sprach das Schwein
und trank ein Glas Wein.
Sprüche von Schulbänken

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