September 1978

Sonntag, 3. September 1978

September 1978

Im Moment geht es mir ziemlich mies. Äußerlich ist es wohl nicht festzustellen, aber ich weiß wirklich nicht mehr, was ich tun soll.
Fangen wir am Montag an:
Uli kam nachmittags zu mir. Zu diesem Zeitpunkt war alles noch o.k. Dienstag fuhr ich am Spätnachmittag zu ihm. Frieda und Sabine kamen ebenfalls und wir fuhren nach Sachsenhausen zum Brunnenfest. Aus jetzt war alles noch in Ordnung. Uli wollte am nächsten Tag, Mittwoch, zu mir kommen. Er rief aber dann an, es ginge nicht, weil Sabine betrunken war und Frieda kein Auto hatte. Er wollte Donnerstag kommen. Das tat er aber nicht. Und auch Freitag ließ er sich nicht sehen. Er rief nicht mal an. Ich natürlich auch nicht, denn schließlich war ich nicht derjenige, der nicht gekommen war.
Samstag nachmittag mußte ich nach Rüsselsheim zum Erste-Hilfe-Kurs. Ungefähr viertel nach 5 war ich fertig und anschließend wollte ich zu Uli gehen. Ich hatte schon die abenteuerlichsten Vermutungen angestellt, daß ihm etwas passiert ist oder daß er eine neue Freundin gefunden hat, bzw. die alte wieder (ich meine Andrea R.). Als ich hinkam, war nur Sabine, seine Schwester, da. Ich setzte mich zu ihr, und wir unterhielten uns ein bißchen, bis Uli zurückkam. Das dauerte eine Stunde.
Als er mich sah, schien er keineswegs erfreut zu sein.
Frieda und Sabine kamen kurz darauf. Wir fuhren zur „Wiesenmühle“ und anschließend gingen wir ins Kino, in „Eis am Stiel“. Der Film war ehrlich gut, die Musik auch.
Den ganzen Abend blieb er auf Distanz. Was das bedeutet, ist klar: Keinerlei Berührungen, welcher Art sie auch sein mochten, wir küßten uns auch nicht, nicht einmal, als wir uns verabschiedeten. Mir war das auch ganz recht, denn erst einmal muß die Situation geklärt sein. Möglicherweise ist das ganze auch eine Art Rückkopplung. Ich meine: ich spüre, daß etwas nicht stimmt (vielleicht trifft das gar nicht zu) und verhalte mich instinktiv zurückhaltend. Er bemerkt das und folgert daraus, das mit mir etwas nicht in Ordnung ist und bleibt daher auf Distanz.
Möglicherweise aber langweilt ihn unsere Beziehung. Ich jedenfalls fand es viel aufregender, als ich noch nicht mit ihm ging. Ein Beispiel: einmal hatte ich mich über etwas geärgert und saß in der Pause drinnen. Uli kam herein und redete mit mir, bemühte sich, alles wieder in Ordnung zu bringen. Wenn das aber jetzt passiert, reagiert er entweder sauer darauf oder es scheint ihm gleichgültig zu sein. Das kann ich nicht verstehen.
Wenn das so weitergeht, scheint es das Ende unserer Beziehung zu bedeuten. Einerseits ist das sehr schade, denn ich war immer gern mit allen zusammen, und Michael ist wahrscheinlich wieder aus Spanien zurück.
Aber ich liebe es wiederum auch, frei zu sein, gerade dann frei zu sein, wenn ich den treffe, den ich wirklich lieben werde. Das sind große Worte, doch sie treffen zu. Denn Uli liebe ich nicht, das spüre ich ganz genau, dazu müßte ich ihn mit allen Fehlern und in jeder Situation akzeptieren, und das kann ich nicht immer. Deshalb glaube ich auch nicht, daß ich jemals mit ihm schlafen werde, aber so genau kann ich das jetzt nicht beurteilen. Mutti hat jedenfalls letztens mit mir darüber gesprochen und gesagt, daß ich auf jeden Fall zu ihr kommen kann, wegen der Pille und so. Das wird aber wohl kaum nötig sein. Außerdem kann ich es mir gar nicht leisten, es ist viel zu kostspielig. Ich brauche mein Geld für andere Dinge, die im Moment wichtiger sind. Erstens: Führerschein Zweitens: Plattenspieler evt. Stereo-Turm Drittens: Kleinigkeiten Viertens: Das Problem, ob ich mir nächstes Jahr ein Auto kaufen kann. Am liebsten wäre mir ein Porsche 924 (Neupreis 30000,-). Aber jetzt bin ich ganz vom Thema abgekommen.
Morgen ist Schulanfang. Und dann werde ich sehen, wie die Lage ist. Heute war Uli in irgendeinem Kaff zum Auto-Cross, also hatte ich endlich mal Zeit. Glücklicherweise. Heute abend habe ich nämlich zum 3. Mal „Die Reifeprüfung“ mit Dustin Hoffmann gesehen. Ein Klasse-Film mit der Musik von Simon + Garfunkel. „Scarborough Fair“ finde ich super, das muß ich mir unbedingt verschaffen. Ich glaube, Frieda hat die LP. Hoffentlich!

Dienstag, 5.9.78

Es ist aus. Schluß. Vorbei. Finito.
Gestern kam Uli erst kurz vor zehn in die Schule, lachte mir kurz zu und verschwand dann wieder. Wir waren kurz bei I. und hatten anschließend frei. Ich hatte keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Erst heute in der zweiten Pause. Er stand bei Moni und einem anderen Mädchen draußen. Ich ging zu ihnen, wir unterhielten uns etwas. Als ich dann mit ihm allein war, fragte – nein, zuerst redete er von den AG’s morgen. Ich sagte, viel Spaß, ohne mich, und ihm sei es sowieso egal, ob ich komme oder nicht. Dann fragte ich ihn, was los sei, er ließe sich überhaupt nicht mehr sehen. Er sagte, er könne es eben nicht so lange machen. Ich fragte was denn und er sagte, das könne er nicht erklären. Aber was er meinte, war klar.
Ich war natürlich total am Ende und mußte erst einmal damit fertig werden, obwohl ich schon so etwas geahnt hatte.
Heute nach der Schule fuhren wir gleich nach Mainz. Dort war ich sogar ausgesprochen fröhlich, und als zwei Jungen an mir vorbeigingen und mich ansahen, mußte ich plötzlich lachen, einfach wegen der Situation, in der ich mich befand. Morgens macht mein Freund mit mir Schluß und gleich darauf könnte ich schon wieder einen neuen finden. Mein Lachen hat jedenfalls auf die beiden gewirkt, sie drehten sich sogar noch mal nach mir um.
Nachmittags allerdings ging es mir wieder ziemlich mies, ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Ich hatte angenommen, ganz allein damit fertig werden zu müssen und es auch zu können.
Aber da sieht man wieder mal, wozu eine verständnisvolle Mutter gut ist. Sie hatte natürlich bemerkt, daß etwas nicht in Ordnung ist und redete mit mir darüber und versuchte, mir zu helfen. Tatsächlich geht es mir wieder viel besser. Nur meine Augen weisen noch Spuren von Tränen auf.
Nun kann ich die Lage besser überblicken. Ein Junge in diesem Alter ist noch nicht gewillt, sich fest zu binden, was mir auch klar war. Und ich versuche auch, das zu akzeptieren. Außerdem muß ich zugeben, daß ich auch schon einige Male mit dem Gedanken gespielt habe, Schluß zu machen. 100 % ig toll war diese Beziehung sowieso nicht, später sogar langweilig, wie ich schon früher bemerkt habe. Schade, wirklich sehr schade ist, daß ich nun wohl nicht mehr zu diesem Kreis gehöre. Michael werde ich nicht (nie??) mehr wiedersehen. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, ihn anzurufen, vielleicht tue ich es demnächst. Er hat ja auch in dem Brief an mich gedacht.
Ich werde jedenfalls versuchen, eine Freundschaft aufrecht zu erhalten. Wenn ich wieder o.k. bin, wird mir das nicht schwerfallen, aber heute war das alles ein bißchen hart für mich.
Damit kann ich den Schlußstrich unter dieses Kapitel ziehen.
Ich bin wieder frei. Wie lange?

Donnerstag, 07.09.78

Es ist gar nicht so einfach. Das mit der Freundschaft. Ich weiß nicht, ob Uli etwas gegen mich hat, aber er legt jedenfalls keinen Wert mehr auf meine Gesellschaft.
Anfangs hat er es sogar vermieden, mich anzusehen, aber ich glaube, daß sich das wieder gibt.
Morgen werde ich wahrscheinlich Michael anrufen, von Rüsselsheim aus, Ortsgespräch! Ich hoffe, daß er zu Hause ist.
Sonst bin ich wieder ganz o.k., nur manchmal frage ich mich, ob Uli wieder mit Andrea geht (sie wollte jedenfalls, wie ich von Frieda einmal hörte). Dann bin ich regelrecht eifersüchtig, aber das gibt sich. Hoffentlich ist Michael noch genauso begeistert von mir wie vor ein paar Wochen. Aber vielleicht hat er mittlerweile eine Freundin.

Freitag, 08.09.78

Vorhin habe ich Michael angerufen. Dabei habe ich Interessantes erfahren: Uli hat ihm erzählt, ich hätte Schluß gemacht, wegen Offenbach und den Betreuerinnen dort, und weil er andere Mädchen angesehen hat. Anscheinend (wie Michael sagte) macht er jetzt so ein bißchen mit Sabines Stiefschwester Babsi rum. Das war also das Problem, bei dessen Lösung er Babsi am letzten Donnerstag helfen mußte. Ich kann dieses Mädchen nicht leiden. Damals in Bauschheim war sie ziemlich kindisch und aufgedreht. Wenigstens geht er nicht mit Andrea, das wäre dann wohl etwas ernsteres. Morgen wollen sie nach Sachsenhausen, und Michael will mich Sonntag anrufen und weiteres berichten. Uli ist also ein Windhund (Babsi), Kinderschänder (ich). Außerdem hängt er anderen Leuten (mir) schlechtes an, wenn es darum geht, sich selbst zu schützen.
Das gibt Krach am Montag! Ich werde ihn zur Rede stellen. Morgen ist noch zu früh, ich muß erst mehr erfahren.
Aber es war gut, daß ich Michael angerufen habe, denn er hätte sonst einen vollkommen falschen Eindruck von mir.
Ich hatte gehofft, er würde mich gern wiedersehen. Aber wahrscheinlich glaubt er, ich würde noch gern mit Uli gehen.
Falls ich wieder mal mit ihm sprechen sollte, werde ich ihn mal nach seiner Freundin fragen und ob wir ins wieder mal sehen.
Heute abend soll ein Treffen wegen dem Film sein. Von Uli hörte ich, es sei um 10 Uhr. Ich gehe nicht hin, denn es ist zu spät und wie soll ich hin- und zurückkommen. Uli sagte, Säck sei verrückt, es zu so einer Zeit zu starten, er könnte dann gerade das Auto in die Garage fahren und gleich hingehen. Nun ist das ganz klar: er besucht heute abend dieses Mädchen. Für mich hat er nie so lange und so oft Zeit gehabt. Aber dieses Kind wird ihm wohl ganz schön einheizen und ihre Befehle verteilen. Selbst schuld.
Ich jedenfalls könnte mich totlachen, wenn ich nur daran denke.
Aber warte!
Am Montag werde ich dir was erzählen!
Das lasse ich mir nicht gefallen!
Nie.

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