Januar 1978

Mittwoch, 4. Januar 1978

Januar 1978

Ein frohes neues Jahr!!!
Und nun drehen wir gleich die Zeit um etwa 100 Stunden zurück. Samstag, ca. 18 Uhr. Wir fuhren zu Tante Marianne und Onkel Heinz und anschließend zum Silvesteressen in die Breitachklamm. Jürgen wußte, daß ich kommen würde, denn er hatte mich schon danach gefragt. Ich hatte mir vorgestellt, daß er mich dann sehen würde und mir eventuell zulachen würde, dann wollte ich hingehen und ihn wegen Montag abend befragen. Als wir hineinkamen, war es schon ziemlich voll. Zuerst sah ich ihn nicht, er saß nicht an dem Tisch wie vor einer Woche. Wir hatten dieses Mal übrigens auch einen anderen Tisch, ganz hinten links in der Ecke. Wir gingen also dorthin, und da sah ich ihn! Er saß, so unglaublich es auch klingen mag, mit Uwe und Herbert am Nebentisch. Uwe hatte mich gesehen und lachte mir zu, wie ich auch, aber Jürgen blickte nicht einmal auf. Das ärgerte mich natürlich unheimlich, und daher ging ich nicht zu ihm hin. Er saß mit dem Rücken zu uns und so bot sich auch keine Gelegenheit für Blicke jeglicher Art, die wohl in meinem Zustand etwas negativ ausgefallen wären. Das Essen war sehr gut, natürlich, aber ich genoß es nicht so sehr wie letztes Mal, erstens wegen Jürgen und zweitens aus einem ganz einfachen Grund: ich hatte zu Mittag zu viel gegessen. (Essen: Forelle mit Toast und Merrettichsahne, Kraftbrühe, flambiertes Hirschmedaillon mit Kroketten, Ananasscheibe, Preiselbeeren mit Sahne, gebackenem Apfel und Eis mit Früchten).
Ulrike sah ich auch. Sie saß an einem anderen Tisch mit einigen Leuten. Sie bekam noch Geld von mir für die Liftkarte, ich wollte aber nicht beim Essen stören und wartete, doch dann war sie plötzlich verschwunden, wie auch die anderen, ich bemerkte, daß sie hinten drin waren, wahrscheinlich in einem Privatraum. Jürgen tauchte ab und zu wieder auf und stand vorne am Ausschank. Er sah auch ein paarmal zu mir her, machte aber keinerlei Anstalten, mit mir zu sprechen oder mich sogar zu ihrer Silvesterparty einzuladen. Also mußte ich selbst etwas unternehmen. Ich überlegte mir schon alle möglichen Dinge, und als wir dann schon bezahlt hatten und bald gehen wollten, bemerkte ich, daß es höchste Zeit zum Handeln war. Wir blieben aber noch etwas sitzen. Glücklicherweise standen Jürgen und Uwe gerade vorne. Ich überlegte, ob ich zu ihnen hingehen sollte, konnte mich aber nicht dazu entschließen. Der Pudel des Gasthauses war es schließlich, der mir bei der Entscheidung half. Irgendwie hatte ich die ganze Zeit das Gefühl gehabt, auf der Bank festzukleben, da ich nicht aufstehen konnte. Als der Hund an unserem Tisch vorbeikam, streichelte ich ihn. Er lief dann ein Stück weiter, und da stellte ich fest, daß dies die Möglichkeit war. Ich stand auf, hockte mich neben den Hund und streichelte ihn. Dabei nahm ich all meinen Mut zusammen, stand auf und ging nach vorne zu Jürgen und Uwe. Ich hatte mein Schicksal in die Hand genommen. Von da an war eigentlich alles ganz einfach. Ich sagte Hallo zu den beiden und sagte dann, ihr seht Ulrike doch sicher noch. Jürgen sagte mir, sie sei hinten in einem Raum, also ging ich hin. Als ich eintrat, sah ich erst einmal nur unbekannte Gesichter. Dann entdeckte ich Ulrike. Ich gab ihr das Geld und sagte noch so nebenbei, daß wir nämlich jetzt gehen. Sie meinte, ich könne doch noch ein bißchen hierbleiben, und das zu erreichen war natürlich genau meine Absicht gewesen. Ich ging also raus und fragte, ob ich noch bleiben dürfe, ja, ich durfte, sollte aber dann zwischen eins und halb zwei abgeholt werden. Ich ging zurück und war sehr glücklich, denn nun hatte ich erreicht, was ich wollte.
– WEITER GEHT’s EIN ANDER MAL –
– JETZT HABE ICH GENUG VOM –
– SCHREIBEN STOP STOP STOP STOP –

HEUTE GEHT’s WEITER – MITTWOCH 6. STUNDE FREI – 18.1.78 – STOP STOP
Ich setzte mich zu Ulrike an den Tisch. Es waren noch einige andere Leute da, die ich noch nicht kannte. Lucki, den ich in der Andreasklause schon einmal gesehen hatte, setzte sich neben mich und unterhielt sich eine Weile mit mir. Inzwischen tauchte auch Jürgen wieder auf (EBEN IST DIE O. VORBEIGEGANGEN). Hansi kam dann und schlug vor, ein paar Spiele zu machen. Und zwar mit tanzen. Zuerst die „Reise nach Jerusalem“. Jürgen sah so aus, als wollte er nicht mitmachen, aber dann kam er zu mir und holte mich zum Tanzen. Wir gewannen natürlich! Beim nächsten Spiel mit Hut weitergeben beim Tanzen holte er sich Sabine (sie ist aus Ulm). Ich ärgerte mich etwas und wünschte den beiden, daß sie nicht gewannen und tatsächlich schieden sie ziemlich früh aus. Sabine konnte ich am Anfang überhaupt nicht leiden, es schien, als ob sie Jürgens Freundin sei (ich wußte noch nicht, wo sie herkommt), und er tanzte später öfters mit ihr und er küßte sie auch mehrere Male. Ich tanzte auch, aber sehr wenig. Silvia setzte sich einmal neben mich und wir unterhielten uns eine Weile. Dabei erfuhr ich, daß Jürgen und Uwe ihre Cousins sind, aber keine Brüder. Dann war es endlich Mitternacht. Die meisten gingen raus in die Wirtschaft, ich ging auch mit, stand aber zuerst ziemlich verlassen da, weil sie alle bei ihren Eltern/Verwandten, usw. waren. Doch dann kamen die ersten und wir wünschten uns ein frohes neues Jahr und dann erschien auch Jürgen. Er kam auf mich zu, wir schüttelten uns die Hände und wünschten uns ein frohes neues Jahr und schließlich bekam ich von ihm ein Küßchen zum Jahresbeginn. Dann gingen wir alle raus. Es schneite in dicken Flocken. Ein paar Raketen wurden abgeschossen und außerdem Schneebälle geworfen, von denen ich einen mitten ins Gesicht bekam. Danach ging die Party weiter. Ich tanzte mit Herbert und auch mit Jürgen. Beim Tanzen fragte er mich, ob ich mit ihm etwas trinken wolle. Ich sagte natürlich zu. Wir gingen in die Wirtsstube, Herbert auch, dann tranken wir drei einen Schnaps (ziemlich scharf, aber ich war schon daran gewöhnt). Allerdings hatten Herbert und ich uns noch kein „frohes neues“ gewünscht und das mußten wir nachholen. Er wollte dann auch ein Küßchen haben, bekam er auch, was ist denn dabei, er meinte daraufhin, jetzt fühle er sich schon viel besser. Jürgen wollte uns dann noch zu einem Bier einladen, aber er ging noch mal kurz in den Partyraum, Herbert auch und dann ging ich auch, weil ich nicht allein dort stehenbleiben wollte. Doch da kam gerade Papa, um mich abzuholen. Ein Typ machte gerade noch ein Bild von Jürgen, Herbert und mir und dann mußte ich wohl oder übel gehen. Jürgen und Uwe standen gerade vorne, als ich gehen wollte und so ging ich noch mal zu ihnen hin, verabschiedete mich und meinte, vielleicht sehen wir uns mal wieder. Daraufhin erwiderte Jürgen, morgen sei ihr letzter Tag. Ich sagte vielleicht nächsten Winter, aber dazu sagte er nichts mehr und dann mußte ich sowieso gehen.
Die nächsten Tage hatte ich ziemlich gute Laune, obwohl ich wußte, daß ich Jürgen vielleicht nie wiedersehen würde. Andererseits war da noch ein Grund. Mutti war im Ski-Kurs, zuerst bei Herrn V. und dann bei seinem Enkel Frank. Er ist so alt wie ich, hat dunkle Haare, ganz leuchtend grüne Augen und läuft ganz toll Ski. Er wohnt wahrscheinlich nicht in Tiefenbach. Ich habe sogar ein Bild von ihm. Das ist das beste!
Eigentlich war der Kuß von Jürgen der erste, den ich von einem Jungen bekommen habe. Aber ich habe es gar nicht als etwas besonderes empfunden, außerdem war es kein „richtiger“.
Aber etwas habe ich doch, das mich an Jürgen erinnert: er trug einen einfachen, ziemlich schmalen silbernen Ring. Und einen solchen trage ich jetzt auch: ich habe ihn aus Silberdraht gemacht und trage ich ständig.
Und noch etwas: ich hatte einen Sonnenbrand im Gesicht von der Höhensonne, habe aber allen Leuten erzählt, es wäre vom Winterurlaub.

Montag, 30. Januar 1978

Bis ich endlich den Bericht vom Winterurlaub fertiggestellt hatte, konnte ich natürlich nichts von all dem festhalten, was in der darauffolgenden Zeit vor sich gegangen ist.
Ich glaubte anfangs natürlich, nur noch an Jürgen denken zu können, und meinte auch, daß mir wohl kein anderer Junge mehr gefallen würde. Wie vorauszusehen war, hat sich meine Einstellung diesem Problem gegenüber geändert.
Ich bin wieder verliebt!!!!!!!!!!!!!!!!!
Er heißt Steffen K., geht in die 11. Klasse, und wohnt in Raunheim. Dessen bin ich mir ziemlich sicher, denn alle drei Leute dieses Namens wohnen in Raunheim. Ich habe im Telefonbuch nachgesehen. Anfangs beachtete er mich nicht, wie gewöhnlich. Aber seit ein paar Tagen habe ich ein besseres Gefühl. Besonders heute. In der 2. Stunde gaben Elke und ich unsere Bio-Bücher ab. Wir waren vorher auf der Toilette, und als wir zurückgingen, sah ich, daß Steffen mit einigen anderen auf der Treppe zum Keller stand. Als wir vorbeigingen, blickte er kurz auf und sah mich an. Wir holten dann unsere Bücher und gingen die Treppe hinunter. Auch jetzt sah er mich beim Vorbeigehen wieder an. Unten stand er dann ein Stück vor mir. Er beachtete mich nun nicht übermäßig. Ich blieb auch nicht lange unten, da ich noch etwas für Englisch machen mußte. In der Pause. sah ich ihn nicht. Erst später, als wir zum Musiksaal hochgingen. Steffen hatte zu dieser Zeit genau gegenüber Unterricht. Das wußte ich schon längere Zeit. Als wir hochkamen, bemerkte ich, daß er schon da war. Er jedoch hatte mich noch nicht gesehen. Erst als er sich einmal umdrehte, sah er mich. Ich blickte ab und zu hinüber und stellte dabei fest, daß er ebenfalls zu mir herübersah, sogar für längere Zeit. Das ist natürlich ein tolles Gefühl, wenn man einmal beachtet wird oder es sich jedenfalls einbildet. Heute nacht träumte ich von ihm. Ihm gefiel ein Mädchen aus der 11., die ich vom Sehen her kenne und die nicht sehr gut aussieht. Jedenfalls war ich im Traum ziemlich wütend auf ihn und eifersüchtig auf das Mädchen. Ich dachte mir, daß ich doch eigentlich besser aussähe als sie und daß ich ihm doch gefallen könnte. Der Traum war sehr kurz und ich bin nicht in der Lage, ihn zu analysieren.

Dienstag, 31.1.1978

Ich glaube, ich bin glücklich. Ich weiß es aber leider nicht genau. Heute hatten wir nur drei Stunden, da es Zeugnisse gab. (Ich habe einen Durchschnitt von 2,7). In der Pause sah ich Steffen nur kurz, da er draußen stand. Dann war er plötzlich verschwunden. Als ich kurz darauf nach oben ging, sah ich ihn wieder. Er lehnte an der Tür, also mit dem Rücken zur Treppe, folglich konnte er mich nicht sehen. Als ich dann durch die Tür ging, bemerkte ich gerade noch, daß er sich umdrehte und zu mir hinblickte, vielleicht zufällig, ich meine wie er es bei jedem anderen auch gemacht hätte, oder eben weil ich es war. Das zweite wäre mir bedeutend lieber, auf jeden Fall. Ich jedenfalls habe nicht zu ihm hingesehen, ganz einfach weil ich schon fast vorbei war und es wäre wohl auch zu auffällig gewesen vor all den anderen Leuten. Schade, denn später habe ich ihn nicht mehr gesehen.

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