Eurovision Song Contest 2009

Posted on 18 Mai 2009 at 13:40 in Sehen, lesen, hören.

Der Mai ist gekommen und mit ihm unter anderem auch der europäische Sängerwettstreit. Sehen wir uns an, was in diesem Jahr geboten wird:

  1. Litauen
    Mann mit Hut, genauer gesagt Sasha mit Hut, singt uns – zunächst am Klavier sitzend – eine Ballade. Englisch und Russisch wird gemischt, ich finde, es hört sich schon mal sehr schön an.
  2. Israel
    Jetzt wird es sogar dreisprachig: Die beiden Damen – eine blond, eine schwarz – singen auf Englisch, Hebräisch und Arabisch. Sie singen sich an, sie schreien sich an, dann trommeln sie auch noch gemeinsam. “There must be another way.” Genau, es muss einen anderen Weg geben, Musik zu machen!
  3. Frankreich
    Frankreich setzt auf das bekannte Gesicht oder vielmehr die bekannte Stimme von Patricia Kaas. Ein solider französischer Chanson, nichts Überraschendes, nichts Neues, nichts Bemerkenswertes, … eher ein bisschen langweilig. Merkwürdig nur, wie sie so breitbeinig am Mikrofon steht, es macht doch einen etwas verkrampften Eindruck.
  4. Schweden
    Nun kommt eine schwedenblonde Opernsängerin, die zunächst im Diskorhythmus startet. Wo ist die Opernstimme, frage ich mich. Ah, dann wird sie doch noch hervorgezaubert, und das ist doch viel, viel besser als das andere Gesinge. Bleib beim Operngesang, gute Frau, und dazu passen ja auch die Königinnen der Nacht, die mit schwarzen Hüten auftreten.
  5. Kroatien
    Es folgt Igor, der mit mediterranen Gitarrenklängen eine südosteuropäische Schnulze präsentiert. Im Hintergrund lassen jaulende Frauen Kleider wehen, und eine blonde Frau in Weiß (das muss die angekündigte Andrea sein) singt dann auch irgendwie mit – oder schreit mit.
  6. Portugal
    Eine Ethno-Pop-Band tritt in traditionellen Kostümen und mit Instrumenten wie Akkordeon auf. Es bleibt keine Melodie hängen, die ich mir merken würde, nur die vielen “sch” der portugiesischen Sprache prägen sich ein. Zuletzt erscheint noch eine Karusselldeko in bunt und blau.
  7. Island
    Die blonde Yohanna im langen, blauen Rüschenkleid (in diesem Jahr sind unter anderem Rüschen in Mode) fragt unter dem Vollmond nach der Wahrheit. Garnitur dazu sind Cello und Delfin, sie singt sehr schön und das kann man sich auf jeden Fall ein weiteres Mal anhören.
  8. Griechenland
    Der griechische Bursche kommt mir gleich so bekannt vor. Ach so, der hat im Jahr 2004 sogar den dritten Platz gemacht. Soweit ich mich erinnere, war die Nummer der diesjährigen recht ähnlich. Viel Tanz, kurzes Hemd, wenig Text, der ständig wiederholt wird.
  9. Armenien
    Die beiden Schwestern führen mit viel Dramatik, Rauch und Lichteffekten so etwas wie einen armenischen Prinzessinentanz vor. Jedenfalls wirken die Kostüme sehr königlich, zu denen sie ihren osteuropäischen Gesang erklingen lassen. Dass sie neben armenisch auch englisch gesungen haben sollen, ist an mir völlig vorbeigegangen.
  10. Russland
    Anastasija trägt im weißen Gewand (warum hat sie ihre Gardine umgebunden?) ein sehr, sehr tragisches russisches Lied vor. Ich erschrecke, als ich das Großbild auf der Leinwand sehe, warum hat sie plötzlich so graue Haare? Ach, soll wohl ihre Mutter sein. Kurz vor Tränenausbruch singt sie abwechselnd – für uns Westeuropäer nicht zu unterscheidend – in Russisch und Ukrainisch.
  11. Aserbaidschan
    Ein Paar, eine Tanznummer. Na ja. Vokuhila ist noch moderner als Rüschen, also bei den Kleidern, nicht der Frisur. Aber warum hat die Sängerin ein silbernes Bein? Und sind die Tänzerinnen drumherum nicht Männer oder sehe ich jetzt schlecht? Osteuropäische Shakira, kommentiert der Moderator. Ach ja, daran hat mich der Auftritt erinnert.
  12. Bosnien und Herzegowina
    Ein Sänger im weißen Anzug, eine Band mit dem Frauennamen Regina, militärisch wirkende Musiker mit Trommeln und ein offensichtlich inhaltsschwerer Gesang, dessen Inhalt uns mangels Sprachkenntnissen verborgen bleibt.
  13. Moldawien
    In Moldau trägt man Dirndl? Das wusste ich auch noch nicht. Aber es stimmt, ich habe im Internet geguckt. Die traditionellen Trachten sind natürlich nicht so schrill wie dieses Kostüm, vor allem fehlen die kniehohen lila Stiefel. Die rothaarige Sängerin singt zuerst von der Moschee aus, später feuert sie die Tänzer an, die brav ihre Beine schwingen.
  14. Malta
    Chiara war schön öfter dabei und durfte noch nie gewinnen. Immerhin eine Frau, bei der die Stimme mehr Gewicht als ein Rüschenkleid hat. Mit erhobenen Armen singt sie unter blauem Sternenhimmel, dennoch bleibt der Gesang leider hinter der Inzenierung zurück.
  15. Estland
    Ui, die vielen rollenden Rs in Rändajad haben mich richtig beeindruckt! Es treten Frauen mit Streichinstrumenten auf, eine von ihnen singt und geigt dann auch mal.
  16. Dänemark
    Der dänische Titel ist mein Favorit, der kann gut im Radio laufen. Kein Wunder, hat doch Ronan Keating daran mitgeschrieben. Das habe ich allerdings erst später in der Zeitung gelesen, während der Sendung hatte ich es nicht mitgekriegt.
  17. Deutschland
    Deutschland “schwingt” schon wieder, genau wie im letzten Jahr. Im letzten Jahr? Aber nein, da lag ich doch eben tatsächlich falsch, 2008 haben sich doch die No Angels so prima blamiert. Zurück zum Swing. Das kann ja nichts werden. Mein Geschmack ist das jedenfalls nicht. “Hi-hai-ho-hip-di-hip-di-ho”-Laute wirken bei mir ähnlich wie im Kochtopf kratzende Metalllöffel. Und ein weibliches Wesen mit Wespentaillenkorsage kann da auch nichts mehr retten. Übrigens dachte ich immer, die Dame hieße “von Teese”, so wie man’s schreibt und nicht “von Ties” …
  18. Türkei
    Türkischer Pop mit den typischen Bauchtanzkostümen – mit dieser Art von Musik war die Türkei schon in den letzten Jahren dabei, oder täusche ich mich da jetzt. Erstaunlich, zwei der drei Frauen auf der Bühne sind blond, und dann kommt noch ein Salto schlagender Tänzer in Haremshosen dazu.
  19. Albanien
    Albaniens Sängerin – wieder einmal eine Künstlerin im (kurzen) Rüschenkleid – wird von einem türkisfarbenen Spinnenmann umgarnt. Oh je, sie muss von ihren Albträumen singen, anders kann ich mir das nicht erklären. Zwei schwarz gekleidete Männer machen Breakdance. Und wie war noch mal das Lied? Albtraumatisch?
  20. Norwegen
    Der Norweger wird als Favorit gehandelt? Warum und von wem? Als Wunderkind wird er bezeichnet, ah ja. Mir ist die Musik zu fröhlich, zu sehr auf der “la-la-la”-Schiene, und das Gefiedel auf der Geige mag ich sowieso nicht. Und dann sehe ich mit Erschrecken, dass alle Saiten der Geige gerissen zu sein scheinen. Sehe ich wieder einmal schlecht oder was soll das bedeuten? Geigen kann er so jedenfalls nicht mehr.
  21. Ukraine
    Diese Auftritt ist wieder einmal mehr fürs Auge als fürs Ohr: Sängerin im roten Fetzenmini und Gladiatoren in metallenen Rädern mit viel Lichteffekten und Rauch, dann trommelt die Sängerin auch noch.
  22. Rumänien
    Balkanrhythmen begleiten die Sängerin und ihre Balkan-Girls auf blau-grünem Meer. Meer – äh – mehr fällt mir dazu nicht ein.
  23. Vereinigtes Königreich
    Oh, schon wieder ist die Vokuhila-Mode angesagt, dieses Mal in Weiß. Die Sängerin wird von Herrn Webber höchstpersönlich am Klavier begleitet. Das Lied ist nicht schlecht, eine typische Musicalmelodie.
  24. Finnland
    Finnland präsentiert einen älteren Rapper – also, da fand ich Lordi und Teräsbetoni (klasse Name, ich denke immer an eine betonierte Terrasse!) um Längen besser. Bei diesem Pop-Rap-Lied reißen auch die Feuerschlucker und die brennenden Mülltonnen nichts raus.
  25. Spanien
    Ähem, die Spanierin hört sich an, als käme sie aus der Türkei. Sehr orientalisch … Beim Unterteil der Kleidung hat es leider nicht für mehr als ein Handtuch um die Hüften gereicht. “Take me, shake me …” singt sie und lässt sich dann auch noch hinter einem Tuch wegzaubern. Ansonsten tut mir die Musik in den Ohren weh, mach das weg!

Dann folgt die Zwischenunterhaltung, und als wir sie endlich überstanden haben, beginnt die Abstimmung. Ich stelle fest, dass dieser Teil der Veranstaltung früher besser war, obwohl er sich natürlich deutlich länger hinzog. Seit 2006 aber werden die Punkte 1 bis 7 auf einen Schlag hingeknallt und es geht viel von der Spannung verloren, ob das eigene Land (wahlweise der eigene Favorit) nicht vielleicht doch noch ein paar Pünktchen einheimsen kann.
Auch das neue Abstimmverfahren mit einer Mischung aus Fachjury und Anrufern ändert nichts daran, dass gern Punkte an Nachbarländer vergeben werden.
Das größte Erstaunen löste bei mir im ersten Moment die Punktvergabe von Andorra aus. 12 Punkte für dieses fürchterliche spanische Lied? Auf den zweiten Blick allerdings kein Wunder, sind doch dreißig Prozent der Bevölkerung Spanier und darüber sind wahrscheinlich an diesem Abend so viele Spanier nach Andorra gefahren, bis keiner mehr in das Land passte.
Schon nach den ersten Punktevergaben wird klar, dass der als Favorit angepriesene Jüngling tatsächlich gewinnen wird. Mit Island auf Platz 2 bin ich einverstanden, schade finde ich es, dass Dänemark nur irgendwo im Mittelfeld gelandet ist und beim deutschen Beitrag kann ich überhaupt keine Emotionen entwickeln.
Schauen wir mal, ob es diese Veranstaltung im nächsten Jahr auch noch geben wird, wo doch einige Leute laut: “Abschaffen!” rufen.

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