Juni 1978

Montag, 5. Juni 1978

Juni 1978

Samstag haben wir nicht bei Michael gefeiert, denn Frieda war nicht da und Lutz hatte keine Zeit (wahrscheinlich). Uli holte mich kurz vor 18 Uhr ab, dann fuhren wir zu Michael und anschließend nach Bauschheim. Dort war nicht viel los, es gab nur massenhaft Schnaken. Trotzdem war es sehr lustig, die beiden erzählten vom Krieg (14-18), und ich auch ein bißchen, allerdings konnte ich nicht so viel mitreden, da ich zu der Zeit gerade in Australien war und Känguruhs züchtete.
Wir verabredeten dann ein Treffen im Waldschwimmbad, d. h. die anderen wollten schon gegen 10, 11 Uhr hingehen, während ich erst am Nachmittag kommen wollte. Um halb zwei nachmittags war ich ungefähr dort. Es war ziemlich voll. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wo die anderen lagen, daher beschloß ich, um den ganzen See herum zu laufen. Ich fand sie natürlich nicht, aber Uli hatte mich zum Glück gesehen.
Michael war da, Lutz mit zwei Freundinnen, und noch zwei jüngere Typen.
Wir (d. h. Michael, Uli und ich) waren dreimal im Wasser. Einmal eroberten wir England und Amerika, d. h. die beiden Inseln im See und kaperten ein Schiff des Feindes, that means: ein Schlauchboot und zogen es samt Insassen an Land. Die Freundinnen von Lutz sind alle erst 13 oder 14, daher kamen die beiden auf die Idee, mich mit ihm zu verkuppeln. Er fühlt sich unwiderstehlich, das muß geändert werden. Also: sie machten Andeutungen, ich sei in ihn verliebt, und nachher soll er dann eine Abfuhr bekommen. Fraglich ist nur, ob das klappt. Einwände: ich könnte ihm zu alt sein. (Dazu später noch etwas sehr wichtiges!) Gegen Abend spielten die drei Skat. (Dabei machte Uli auch eine solche Anspielung). Aber es war noch nichts festzustellen. Später lieh er sich Geld von mir. Uli meinte, das würde ich nie wiedersehen. Ich hätte wetten sollen!!! Lutz fragte mich, ob ich 6 Std. hätte, denn dann sähen wir uns an der Bushaltestelle. Ich sagte nein, 7.
Aber heute ist Englisch 5./6. ausgefallen, ich ging in die Stadt und dann wieder zurück, um am Busstop zu sein. Er war tatsächlich da, und ich bekam auch das Geld, natürlich erst, nachdem ich ihn danach gefragt hatte. Wir unterhielten uns ein bißchen, aber ich hatte nicht den Eindruck, daß er sich was aus mir macht.
Allerdings: was dafür spricht: er fährt an unserer Haltestelle ab. Donnerstag, Freitag, und heute. Er fragte, ob ich mich heute mir Uli treffe. Als der Bus abfuhr, schien es mir, als ob er mir noch einen letzten Blick zuwarf. Ich konnte es aber nicht erkennen, da einige Leute dazwischen standen.
Was ich noch hinzufügen muß:
Michael sagte, er fängt erst bei 17 (Jahren) an (mit Mädchen). Daraufhin meinte Uli (Michael war gerade beim Fußballspielen), er könnte mich mit ihm verkuppeln. Ich war natürlich dagegen. Das war ja nicht ernst gemeint. Aber ich muß schon zugeben, daß Michael mir sehr gut gefällt. Er ist blond, trägt eine Brille, sieht aber ohne genauso gut aus, ist kaum größer als ich, sieht (manchmal) erwachsen aus, liebt Fußball (er spielte gestern immer, er sei ein bestimmter Fußballspieler), er hat helle Augen, ich glaube, grün sind sie.
Ob ich in ihn verliebt bin kann ich jetzt noch nicht sagen.
Zeitweise glaubte ich sogar, ich sei in Uli verknallt, aber das stimmt nicht. Bei ihm ist es auch nur Freundschaft. Das weiß ich ganz sicher seit Friedas Party. Er erzählte, er müsse sich wohl eine Augenklappe kaufen (that refers to a remark of Völki: Uli hätte ein Auge auf mich geworfen).
Ich bin jetzt vorsichtig. So schnell wie früher verliebe ich mich nicht mehr.

Samstag, 10.06.78

Donnerstag gegen abend kamen Frieda, Uli und Michael vorbei. Damit muß ich jetzt immer rechnen. Aber was ich dabei erfuhr: Michael hat eine Freundin. Er hat das Mädchen (wahrscheinlich) erst diese Woche kennengelernt, schätzte sie auf 16, erfuhr dann, daß sie 13 ist. Totaler Schock. Auch für uns. Für mich eigentlich auch, aber es macht mir nicht sehr viel aus.
Sie fuhren mich dann zum Volleyballtraining an die Sporthalle, anschließend nach Bauschheim. Am nächsten Tag erfuhr ich von Uli, daß sie mich um 11 Uhr eigentlich noch abholen wollten, aber dann zu müde waren.
Mit Michael ist es also nichts mehr. An diesem Abend sagte Michael, Uli sei in mich verliebt. Natürlich nur zum Spaß. Es stimmt keineswegs. Gestern abend waren Mutti und Papa bei Tante Marianne und Onkel Heinz. Bei dieser Gelegenheit erfuhren sie einige Neuigkeiten: die beiden kennen Uli, d. h. eigentlich seine Mutter, denn früher wohnten sie in der S.straße. Ulis Vater lebt nicht mehr, er ist gestorben, als er uns seine Schwester noch ziemlich klein waren. Näheres werde ich später erfahren.
Heute abend jedenfalls steigt bei mir eine Party. Uli, Frieda, Michael, Lutz kommen auf jeden Fall, die Freundin von Michael und Sabine nicht, vielleicht noch eine Freundin von Lutz. Dann findet ein sportlicher Wettkampf zwischen Uli und Michael statt. Beide werden versuchen, die Freundin von Lutz auszuspannen, damit wir unser Vorhaben starten können.

Samstag, 10.06.78

Uli, Frieda, Michael, Lutz und Patricia kamen kurz nach sechs. Plan gestartet, Lutz mußte mir Plattenspieler und Getränke tragen. Er schlug vor, noch einige Freundinnen anzurufen. Ich versuchte es bei Elke, sie wollte, durfte, konnte nicht. Carola mußte noch Kunst machen, sagte vielleicht, kam aber dann nicht.
Plan vorerst gescheitert, Lutz und Patricia dauernd zusammen. Plan B: Start um halb zehn, denn dann mußte sie nach Hause. Aber B auch gescheitert. Lutz ging mit ihr.
Wir waren noch zu viert. Die beiden, Michael und Frieda, machten Bemerkungen zu Uli: Du sollst nicht mir oder ihm einen Kuß geben, Uli: mir selbst vielleicht, oder: Du hast gesagt heute abend, und ähnliches. Ich konnte mir denken, daß es um mich ging, sagte aber nichts dazu und nahm es auch nicht so ernst. Später saß ich mit Uli auf der Couch, Michael und Frieda auf den Matratzen, und wir spielten mit Kerzen, besonders Michael machte eine ganz schöne Schweinerei.
Später wollte Uli sich unbedingt hinlegen, und so kam es, daß wir zusammen auf der Couch lagen. Frieda und Michael grinsten immer und Frieda brachte mich zum Lachen, ich bekam einen Lachanfall, was Uli natürlich überhaupt nicht paßte. Trotzdem meinte er: ein voller Sieg.
Gegen halb eins mußten sie gehen.

Sonntag, 11.06.78

Morgens zog ich nach unten um. Ich hatte nur erwähnt, daß es mir hier unten sehr gut gefällt, und gleich fragte Mutti, ob ich denn umziehen wolle. Natürlich wollte ich; die beiden halfen mir, und jetzt ist es schon sehr gemütlich, wenn auch noch nicht ganz fertig.
Nachmittags trafen wir uns alle bei Uli. Er fand es ganz stark, daß ich nun unten wohne, denn gestern hatte ich nur gesagt, vielleicht mache ich es. Gegen halb sechs gingen wir in die Stadt, aßen ein Eis (bei dieser Kälte war das Wahnsinn), spielten dann Billard. Plan X hatte auch dieses Mal nicht funktioniert. Lutz und Freundin verabschiedeten sich von uns, wir gingen zu dritt zurück.
Michael fuhr gleich mit dem Rad nach Hause.
Ich bliebe bis ungefähr halb elf noch bei Uli.
Totale Unsicherheit in Bezug auf meine eigenen und auch seine Gefühle.

Dienstag, 13.06.78

Heute nachmittag gab ich Nachhilfe in Englisch, fuhr anschließend nach Rüsselsheim, kaufte mir ein Poster und ging dann zu Uli. Er war noch nicht da, fuhr seine Schwester nach Dornheim, da dort ihr Auto zur Reparatur war. Seine Mutter gab mir ein Stück Erdbeerkuchen, etwas zu Lesen, und so wartete ich. Nach einer halben Stunde kamen Uli und Michael. Don Miguel blieb noch eine Weile, dann waren wir wieder allein. Aber diesmal ging alles schief. Uli meinte (wegen meinen Augenaufschlägen, wegen Plan X gelernt und nun Gewohnheit) ich spielte mit dem Feuer und könne mir die Finger verbrennen. Er wollte es mir nicht näher erklären und ich wußte nicht, wie ich es auffassen sollte, also war ich sauer. Kurz nach sieben mußte ich zum Bus. Ich war den Tränen nahe und wußte nicht mal, warum. Den Bus verpaßte ich. Das bemerkte ich natürlich erst, nachdem ich eine ganze Ewigkeit an der Bushaltestelle gesessen hatte.
Zu hause anrufen wollte ich nicht, da ich gesagt hatte, ich führe mit dem Bus. Also lief ich das ganze Stück bis zum Auto-Jacob, stellte mich dort an die Straße, um zu trampen. Der erste hielt auch gleich, fuhr extra wegen mir über Trebur nach Darmstadt. Ich war total fertig, aber ich glaube, man merkte es nicht. Zu Hause wollte ich es natürlich auf nicht zeigen. Und nachher fühlte ich mich tatsächlich wieder gut.

Mittwoch, 14.06.78

Morgens versuchte ich mich noch etwas von Uli zu distanzieren. Bei Volleyball in der AG spielte er in einer anderen Gruppe, anfangs, später in der gleichen, aber er kümmerte sich nicht um mich. Beim Wählen der Mannschaften suchte er sich als erstes Michaela aus, dann erst mich, und auch dieses Mal hätte ich heulen mögen. Aber als wir gerade Spielpause hatten, setzte er sich zu mir, fragte mich, ob ich noch sauer sei, ich sagte nein, und dann war ziemlich alles wieder o.k. Aber als ich nach dem Umziehen hinausging, saß er nicht wie sonst draußen. Ich war sauer, aber es war mir auch gleichgültig. Doch dann sah ich, daß er durch den Schulhof ging und ein Stück weiter vorn wartete. Er sagte, er habe geglaubt, ich sei schon draußen. Was durchaus glaubhaft ist, da die anderen alle schon draußen waren. Später war nichts besonderes mehr –
bis

Samstag, 17. Juni

Ich ging nachmittags zu Uli, Frieda und Sabine kamen, dann gingen wir ins Kino.
Dann zu Don Miguel, um endlich mal bei ihm zu feiern.
Vorher holten wir noch Claudia am Bahnhof ab.
Patricia, die Freundin von Lutz kam auch und brachte noch zwei Mädchen mit.
Aber nach und nach gingen sie.
Aus Andeutungen entnahm ich, daß Michael sich an Claudia ranmachen wollte, und er beredete einige Male etwas mit Uli und sagte dann, er solle erst einmal anfangen. Mir war natürlich klar, daß ich betroffen war, zeigte aber keinerlei Reaktion.
Claudia wurde dann von Michael darüber informiert, dann kam sie zu mir und sagte, daß dieser Typ (Uli) gern mit mir gehen würde und wie ich dazu stehe. Ich sagte ihr, ich habe nie gewußt, was er eigentlich will. Ich war froh, daß sie mir das gesagt hatte, denn nun war ich mir doch ziemlich sicher. Allerdings nicht lange, denn in einem Gespräch mit Don Miguel sagte er, er wisse nicht, was er wolle.
Claudia mußte dann nach Hause, und Michael fuhr mit, also konnten wir beide das Bett belagern. Weiter brauche ich dann nichts zu schreiben, wie man so schön sagt, „gehe“ ich seit diesem Abend mit Uli. Er ist mein erster Freund überhaupt und daher auch der erste, von dem ich den ersten „richtigen“ Kuß bekam. Natürlich hatte ich vorher etwas Angst, denn Uli weiß nicht, daß ich noch nie einen Freund hatte. Aber es war keinesfalls schlimm, aber auch nicht so toll, wie ich es mir immer vorgestellt habe.

Sonntag, 18.06.

Heute habe wir uns nicht gesehen, denn Uli mußte auf zwei kleine Jungen aufpassen, die mit Verwandtschaft zu Besuch waren.

Montag, 19.06.

Heute hatte Uli Geburtstag. Ich blieb nachmittags gleich in Rüsselsheim und ging dann zu ihm. Michael war schon da, später kam Frieda, und dann tranken wir Kaffee mit Ulis Mutter und seiner Schwester Sabine.
Uli und Frieda brachten mich später noch zum Bus.

Dienstag, 20.06.

Heute nachmittag war Uli bei mir, mit dem Rad gekommen, was er nie mehr machen will.
Er bekam nachträglich noch ein Geburtstagsgeschenk von mir, eine LP von Frank Zander.
Gestern und auch heute war ich etwas deprimiert, denn eigentlich bin ich gar nicht in Uli verliebt, und ich bereue schon, etwas mit ihm angefangen zu haben. Das bedrückte mich eine ganze Weile.

Mittwoch, 21.06.78

Heute morgen fiel Deutsch aus, ich war kurz nach neun in der Schule, Uli natürlich auch. Heute war ich wirklich in ihn verliebt, wahrscheinlich war das Ganze gestern und vorgestern nur eine Laune von mir.
In der Pause bekam er noch ein Geburtstagsgeschenk von Moni und Betty: eine weiße Maus. Genauer gesagt: es ist ein Mäuserich und er heißt Schnucky. Uli war überhaupt nicht begeistert und sagte, was solle er denn mir der Maus. Seine Mutter sei sowieso nicht begeistert davon. Also schenkte er sie mir. Ute nahm sie mit nach Hause, denn wir spielten nachmittags noch Volleyball.
Heute bin ich also wieder glücklich. Aber wie lange? Hoffentlich sehr lange.

Mittwoch, 28.06.78

Genau eine Woche ist jetzt vergangen. Ich bin sehr glücklich.
Anfangs war ich öfters deprimiert und glaubte, es sei nicht gut gewesen, diese Freundschaft angefangen zu haben. Nun ist das aber vorbei. Ich fühle mich sehr wohl.
Während dieser 1 1/2 Wochen habe ich Uli genauer kennengelernt. Vielmehr habe ich festgestellt, daß er ein anderer ist wenn wir allein sind, als sonst in der Schule. Er kann jeden Tag anders sein.
Chico geht es auch gut. Er hat schon zugenommen. Am Tag sitzt er meistens in seinem Haus und wird erst am Abend munter.
Am Samstag spielen einige Treburer Bands im Eigenheim. Joachim H. und Roland L. sind auch dabei. Deshalb möchte ich dort hingehen.
Uli wußte das und er würde auch mitgehen. Aber er weiß noch nicht, ob er das Auto von seiner Mutter bekommt. Ich sagte ihm dann ganz cool, daß ich auf jeden Fall hingehen werde, auch ohne ihn. Daraufhin war er ganz geschockt. Bzw. entsetzt. Er überlegt sich jetzt etwas, mit dem er mich ärgern kann. Falls er das Auto nicht bekommt. Ich lasse mich aber nicht ärgern.
Im Übrigen finde ich, daß wir nicht ständig zusammen sein müssen. Außerdem ist es bei uns nicht wie bei Frieda und Sabine. Jeder kann tun, was er will. Ich akzeptiere das bei Uli, und daher sollte das gleiche für mich gelten.
Abends, 23:45 Uhr
Ich werde es doch nicht tun: Ohne Uli hingehen. Es würde mir nichts ausmachen, aber ich bin doch viel lieber mir ihm zusammen. Das werde ich ihm morgen erzählen.

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