Februar 1978

Mittwoch, 1. Februar 1978

Februar 1978

Heute hatten wir erst um 10 Uhr Unterreicht, in der ersten Stunde beim Tutor. Unten habe ich Steffen nicht gesehen, also ging ich dann nach oben, den gleichen Weg wie gestern. Wie zu erwarten, sah ich ihn dann auch. Er stand mit anderen ganz rechts über der Treppe. Also hatte er mich schon gesehen, als ich noch gar nicht wußte, daß er da war. Ich blickte kurz zu ihm hin und bemerkte, daß er mich auch ansah. Leider war das das einzige Mal, daß ich ihn an diesem Tag gesehen habe.

Donnerstag, 2.2.78

Heute morgen, als ich über den Schulhof ging, glaubte ich Steffen zu sehen. Aber später war ich mir gar nicht mehr so sicher, weil ich ihn in den ersten beiden Pausen nicht einmal sah. Das kann natürlich Zufall gewesen sein, aber vielleicht hat er auch gefehlt. Wenn ich Glück habe, sehe ich ihn morgen, sonst nicht vor Mittwoch, denn Samstag ist freier Samstag, Montag ist Rosenmontag, und Dienstag eben Fastnachtsdienstag. Wahrscheinlich werde ich an einem dieser Tage nach Frankfurt zum Schlittschuhlaufen fahren.

Freitag, 3.2.78

Heute habe ich Steffen zwar gesehen, aber er beachtete mich nicht so sehr wie sonst. Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls. Das gab aber den Ausschlag, daß ich heute einen Brief schrieb. Dazu muß ich aber noch einiges erklären: gestern kaufte ich mir die „Pop“. Sonst lese ich diese Zeitschrift nicht, sie ist auch zu teuer, aber als ich gestern im Geschäft stand, verspürte ich auf einmal den Drang, sie zu kaufen. Hauptsächlich interessierten mich die Anzeigen wegen Brieffreundschaften. Ich fand sogar drei Jungen, die ganz gut aussehen. Der eine jedoch ist erst 16, also fällt er weg. Der zweite, aus der Schweiz, war ohne Alter. Ich zog es daher in Erwägung, ihm zu schreiben. Dann entschied ich mich aber für den dritten, ein 18-jähriger Junge aus Portugal. Ich wußte gar nicht, daß es in Portugal so süße Leute gibt. Er gefällt mir wirklich. Heute morgen aber, bevor ich Steffen gesehen hatte, überlegte ich, ob es nicht besser sei, sich ganz ihm zuzuwenden und keine Hoffnungen auf irgendwelche Brieffreundschaften zu setzen. Nachdem ich festgestellt habe, daß er sich doch nicht so sehr für mich interessiert wie ich es geglaubt hatte, stand es für mich fest: ich würde Zéschreiben. Das tat ich dann auch. Das Dumme ist nur, daß ich zur Zeit überhaupt kein gutes und vor allem neues Bild von mir habe. Also konnte ich ihm keines schicken. Ich hoffe nun, daß er mich deshalb nicht für hoffnungslos häßlich oder sonstwie blöd hält und wünsche mir, daß er meinen Brief beantwortet. Ich werde also nächste Woche Passbilder machen lassen, und sein Bild aus der Anzeige immer (besser: meistens) bei mir tragen.

Freitag, 10.2.78

Übers Wochenende waren wir in Schweinfurt, und während dieser Zeit galten meine Gedanken nur einem: meinem Jungen aus Portugal. Montag und Dienstag hatten wir wegen Fastnacht ebenfalls frei. Mittwoch sah ich Steffen das erste Mal wieder. Donnerstag morgen kamen wir vom Bus. Andreas aus der 11., der auch in Trebur wohnt, ging gerade vor mir durch den Schulhof. Ich bemerkte, daß er zu jemandem in 324 hochblickte, sah auf und erkannte, daß es Steffen war. Später stand ich mit Elke am Vertretungsplan. Wir schrieben die Termine für die Arbeiten ab. Plötzlich bemerkte ich, daß Steffen mit einem anderen Jungen dastand. Ich sah ihn kurz an, und wie es der Zufall wollte, sah er gerade in diesem Augenblick zu mir her.
Heute ging ich in der Pause die Treppen hinunter. Dabei begegnete er mir. Er zeigte kein besonderes Interesse und so gingen wir aneinander vorbei. Das war übrigens das einzige Mal, daß ich ihn an diesem Tag gesehen hatte. Ich sehe mir jetzt nicht mehr alle paar Stunden das Photo von ZéT. an, nur noch 2-3 mal am Tag, aber ich denke doch noch an ihn und hoffe, daß er mir schreibt. Wenn nicht, dann schreibe ich ihm auf jeden Fall noch einmal mit Photo. Ich habe mir heute einen Film gekauft, und werde sie selbst machen, ich meine machen lassen. Aber sie werden garantiert besser als Passfotos.

Donnerstag, 16.2.78

Heute bin ich ziemlich guter Laune, jedenfalls gerade im Moment. Obwohl ich noch keine Antwort aus Portugal bekommen habe.
Heute morgen hatte Steffen wieder Deutsch in 324. Wenn ich vom Bus komme, gehe ich dort vorbei, und auch heute sah ich ihn schon oben am Fenster sitzen. In Gedanken sagte ich ihm, er solle sich umdrehen, glaubte aber nicht, daß er es tun würde. Wie sollte er denn wissen, daß ich gerade vorbeiging. Doch er schaute tatsächlich herunter. Natürlich Zufall! Aber trotzdem. Ich blickte natürlich hinauf, aber nur ein paarmal ganz kurz, ich will ja nicht den Eindruck erwecken, daß ich ihm etwa nachlaufe, und zudem muß ich immer grinsen, wenn ich merke, daß jemand (auf diese Weise) Interesse (scheinbar, Einbildung!?) für mich zeigt. (Das glaubst du doch selbst nicht. Das gibt eine schöne Enttäuschung. Wie war es denn mit Charly?). In der ersten Pause stand ich an der Tür neben dem Vertretungsplan, während Elke und Ingrid Papierschiffchen falteten. Steffen sah ich natürlich (gar nicht so selbstverständlich). Er lief öfters, ich meine einige Male, durchs Foyer. Einmal kam er auf die Tür zu, ich sah es so halb aus dem Augenwinkel. Als er noch so zwei, drei Meter vor mir war, drehte ich mich etwas um und sah ihn kurz an. (ich meine wir sahen uns … usw.) Dann überlegte er es sich anders und ging wieder zurück.
In der zweiten Pause sah ich ihn nicht mehr. Vielleicht war er nicht mehr da. Er ist genau der Typ, der mir in letzter Zeit gefällt. Ich sage das nicht nur so wegen ihm, denn auch ZéT. gehört zu dieser Kategorie.
Wenn ich nur wüßte, was er von mir denkt. Vielleicht ist es auch besser, es nicht zu wissen.

Freitag, 17.2.78

Heute morgen hatte ich nur zwei Stunden, nämlich Deutsch. Englisch ist ausgefallen. Ich sah Steffen nur ganz kurz, als ich durchs Foyer ging. Das war in der Pause. Ich ging zum Bahnhof, da ich mit dem 10-Uhr-Bus fahren wollte. Er kam, als ich noch ein ganzes Stück zu laufen hatte. Wenn ich gerannt wäre, hätte ich ihn sicherlich gekriegt. So aber nicht. Und das war gut. DENN:
STEFFEN WAR AUCH IN DER STADT!!!
Ich spazierte noch ein bißchen durch die Stadt, um dann mit dem Bus um 10:30 Uhr zu fahren. Ich ging vom Friedensplatz in Richtung Bahnhof, und plötzlich sah ich ihn. Er ging mit ein paar Freunden 100-200 m vor mir. (Bei ihm fiel Französisch aus). Ich war plötzlich ziemlich nervös und aufgeregt, obwohl mir das bisher nie passiert ist, wenn ich ihn gesehen habe. Ich versuchte, mich zu beruhigen und ganz ruhig und tief durchzuatmen. Aber das klappte natürlich nicht. Die Situation war dann genau die gleiche wie gestern morgen. Ich wünschte mir so sehr, er würde sich umdrehen. Und ob man es glaubt oder nicht: er tat es wirklich. Es muß doch so etwas wie Intuition geben. Ich glaube jedenfalls daran. Darüber später. Ich muß erst einmal zu Ende erzählen. Ich sah dann, daß er und Andreas M. beim Schuhgeschäft stehenblieben. Ich hätte nun mir ebenfalls die Auslagen ansehen könne, aber ich wäre mir dabei ziemlich blöd vorgekommen. Das sähe so aus, als liefe ich ihm nach, und da er wußte, daß ich ihn bereits gesehen hatte, würde er das natürlich auch denken. Also ging ich an ihm vorbei. Ich mußte wohl oder übel, gern tat ich es nicht.
Jetzt noch mal zurück zu meiner Theorie bezüglich der Intuition bzw. Gedankenübertragung: wenn es so etwas gibt, dann allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die Gedanken werden wie das Licht oder Rundfunk/Fernsehen in Form von Wellen übertragen. Diese Wellen kann natürlich nicht jeder empfangen, da die Gehirnströme jedes einzelnen Menschen sich von denen der anderen in ihrer Wellenlänge unterscheiden. Das heißt, es gibt schon Menschen, die die gleiche Wellenlänge besitzen, und daher kann bei ihnen Gedankenübertragung stattfinden. Selbst über große Entfernungen ist das möglich und ohne daß man es bewußt wahrnimmt. Man muß sich nur darauf konzentrieren. Oft tut man das, ohne es eigentlich zu wissen.

Sonntag, 19.2.78

Gestern wählten wir in der Pause unsere Sportkurse. Als wir, Elke und ich, in die Aula kamen, sah ich, daß Steffen schon dort saß. Wir setzten uns etwas 2-3 Reihen hinter ihn. Er bemerkte dann etwas später, daß ich da war, nämlich als er sich einmal umdrehte, wahrscheinlich um zu sehen, wer gerade kommt. Die einzelnen Kurse wurden genannt, und durch Heben der Hand meldetet man sich dazu. Als der Volleyballkurz für Mädchen aufgerufen wurde, sah Steffen wieder nach hinten und natürlich sah er auch, daß ich mich dafür meldete. In diesem Augenblick, als er mich ansah, verspürte ich irgendwie eine Abneigung gegen ihn. Ich weiß nicht warum und hoffe auch nicht, daß das von Bedeutung ist. Die Volleyballkurse wurden dann doch anders eingeteilt, nämlich nach Leistungsstufen, und daher bin ich wieder bei A. Viele Leute vom letzten Kurs sind wieder dabei, aber auch einige neue, unter anderem auch der Bruder von Christine. Er ist in der 11. Klasse, heißt Achim, hat blonde Haare, vermutlich blaue Augen (Steffen hat grüne, glaube ich) und sieht eigentlich ganz süß aus. Aber ich bin ja verrückt. Im Winterurlaub glaubte ich, das überwunden zu haben, daß mir immer jüngere gefallen, denn Jürgen ist doch schon etwas älter. Aber wie die Sache jetzt aussieht, wird sich wohl so schnell nichts daran ändern. Ich fände es auch nicht so schlimm, einen Freund zu haben, der etwas jünger ist. Angenommen, ich hätte irgendwann eine Klasse wiederholt oder wäre ein Jahr später in die Schule gekommen, dann würde es keinem was ausmachen. So aber gehe ich in die 12. Klasse und er erst in die 11. Aber wo ist da der Unterschied? Ich würde sagen, nur im Wissen, ich fühle mich meistens jünger als ich wirklich bin.

Dienstag, 21.2.78

Natürlich habe ich Steffen gesehen, aber ich weiß nicht, ob ich ihm überhaupt gefalle.
Gestern abend waren wir in Astheim zum Volleyballspielen eingeladen. Günter, unser Trainer, hat ziemlich viel rumgemeckert, weil wir uns nicht genug zurufen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, aber die Art wie er es machte, fand ich einfach scheußlich. Und die anderen auch. Deshalb haben wir uns etwas tolles einfallen lassen: am Donnerstag treffen wir uns etwas früher, jeder bringt etwas zu trinken mit (Sekt, Orangensaft) und das trinken wir dann vor dem Training und hoffen, daß es besser geht.
Heute nach träumte ich von Steffen. Ich sah ihn, lachte ihm zu und er lachte sogar auch. Ich war dann unten im Keller, Ute kam herunter und sagte, oben steht ein Roboter (so ein Quatsch!), der wartet auf dich. Ich ging hoch, da stand Steffen, er sagte irgend etwas usw. Schließlich vereinbarten wir ein Treffen um vier Uhr, weil ich dann erst mit dem Bus kommen konnte. Dann sah ich Steffen auf einmal mit 40 oder 50 Jahren mit halber Glatze und ziemlich dick im Gesicht. Dann gingen wir in irgendeiner Stadt spazieren, es war schon dunkel und außerdem waren wir nicht allein. Dann sah ich die anderen nicht mehr, aber ich fand sie in einem Caféwieder.
Der ganze Traum erinnert an das Geschehen im Winterurlaub.
Bedeutungen:
Glatze: ein fröhliches Fest in der nächsten Zeit (donnerstag!)
Nacht: Unsicherheit in den Gefühlen (hier zu Steffen oder die Zukunft dieser Beziehung).
If paradise is half as nice
as heaven that you take me to
who needs paradise
I’d rather have you.

Mittwoch, 22.2.78

Heute glaubte ich, Steffen sei nicht in der Schule, denn in der ersten Pause sah ich ihn nicht.
Als ich dann später aus dem GK-Saal herauskam, sah ich ihn ganz zufällig. Er stand ganz links am Fenster. Wahrscheinlich mußte er noch Hausaufgaben machen. Während der Pause kam er dann auch nicht mehr herunter.

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