November 1977

Sonntag, 6. November 1977

November 1977

Letzte Woche hat sich ziemlich viel ereignet. Am besten fange ich von vorne an, das bedeutet am Dienstag. An diesem Nachmittag hatten wir nämlich Sport, normalerweise bis halb vier. Aber wer Lust hatte, konnte noch länger bleiben, und daher kam ich erst etwa um vier Uhr aus der Schule. Da ich in der Stadt noch ein Weihnachtsgeschenk für Ute besorgen wollte (Hundeliebe ist …), mußte ich mich ganz schön beeilen um dann den Bus noch zu erreichen. Ich schaffte es dann auch, war sogar schon relativ früh dort. Ich setzte mich ziemlich weit hinten hin und wartete nun auf Udo. Dieses Mal hatte ich Glück, denn er fuhr mit diesem Bus. Er saß ein ganzes Stück weiter vorn als ich und außerdem war es so voll, daß ich ihn nur schlecht sehen konnte. Später setzte er sich auf einen anderen Platz mit dem Rücken zu mir und dann wars natürlich ganz aus.
Am Mittwoch dann hatte ich zum Glück keinen Physikunterricht nachmittags. Deshalb entschloß ich mich, um halb vier nach Rüsselsheim zu fahren, weil ich mir Knieschützer für Volleyball kaufen wollte. Carola fuhr mit dem gleichen Bus mit, und so gingen wir zusammen in die Stadt. Zuerst ins Sportgeschäft, und dann in Schuhgeschäfte, da Carola sich ein Paar Schuhe kaufen wollte. Sie fand auch schließlich ein Paar, doch da es schon nach halb fünf war und sie noch bezahlen mußte, ging ich allein zum Bus, d. h. ich mußte mich ziemlich beeilen. Doch zu meiner Enttäuschung fuhr Udo wieder nicht mit. Als ich dann in Trebur ausstieg, ging ich nach hinten, um dann die Straße zu überqueren. Warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht Intuition, denn dann sah ich ihn! Er kam mir mit ein paar anderen vom zweiten Bus entgegen, um dann in den nach Geinsheim einzusteigen. Ich sah ihn an, er mich auch, und dann war ich schon vorbei. Doch dieses Ereignis war daran schuld, daß ich plötzlich unheimlich glücklich war.
Natürlich glaubte ich fest daran, ihn am Donnerstag wiederzusehen, wie jedesmal. Doch an diesem Tag goß es in Strömen, und daher stiegen wir sofort in den Bus ein, als er ankam. Udo war nicht da, doch es ist möglich, daß er wie am Tag zuvor wieder mit dem anderen Bus gefahren war. Wir saßen etwa in der Mitte und Ute vor mir und daher hatte ich keinen Grund mich umzudrehen. Das wäre mir auch ein bißchen blöd vorgekommen. Jedenfalls, als der Bus in Geinsheim hielt, entschloß ich mich, mich doch mal umzudrehen, doch da drängten so viele Leute zum Ausstieg, daß ich nicht sehen konnte, ob Udo auch dabei war.
Abends hatten wir Volleyballtraining, doch Michael war nicht da, worüber ich sehr enttäuscht war. Aber es sind jetzt sehr viele Jungs in seinem Alter dazugekommen. Trotzdem war es natürlich klasse, und freitag auch, obwohl ich da ziemlich schlecht spielte. Aber was soll’s, jeder hat mal einen schlechten Tag. An Andreas denke ich überhaupt nicht mehr. Gut!
Am Mittwoch habe ich wahrscheinlich nachmittags Physik, und da ich mir in der Stadt noch einiges besorgen muß (zum Beispiel ein neues Tagebuch!) habe ich wieder mal einen Grund, mit dem Bus um halb fünf zu fahren!
Samstag, d. h. gestern, war Zuckerrübenkerb bei uns. Ich wollte eigentlich hingehen, auch am Freitag dachte ich das noch, aber erstens hatten wir übers Wochenende Besuch aus Schweinfurt, zweitens kostet der Eintritt 5 Mark!, und drittens (und das ist der wichtigste Punkt) hätte ich mich sowieso geärgert, wie es mir bis jetzt so oft ging. Zum Beispiel an Kerb. Ich hoffe dann immer, daß jemand bestimmtes dort ist oder daß ich oft tanze, was dann natürlich nie eintrifft.
Udo war bestimmt nicht dort, und was soll ich dann dort, und außerdem hätte ich sowieso kaum getanzt (mit wem denn, bei all den Spastis!) und daß ich da hingehe und mich den ganzen Abend und womöglich noch bis in die Nacht hinein langweile, daß hat mir gerade noch gefehlt. Mit der Landjugend habe ich sowieso keinen Kontakt mehr. Ich finde sie nämlich fast alle ziemlich beknackt!
Natürlich würde ich hingehen, wenn ich zum Beispiel einen Freund hätte, oder wenn ich ein paar nette Leute kennen würde, die auch hingehen. Da das aber nicht der Fall ist, kann ich mir die Zeit zu Hause sicherlich nützlicher vertreiben.
Jetzt habe ich tatsächlich fünf Seiten geschrieben. Aber es war ganz gut, um das alles loszuwerden. Und morgen wieder in die Schule. Dazu habe ich keine Lust. Das liegt aber hauptsächlich an Musik. Die G. kann ich nämlich nicht leiden und außerdem besprechen wir die 7. Sinfonie von Beethoven. Die Musik von ihm finde ich sowieso scheußlich (daran merkt man, daß er schon taub war) und die 7. ist besonders blöd. Mozart dagegen finde ich echt toll.
Übrigens, gestern nachmittag waren wir in Mainz mit den Schweinfurtern, und da habe ich wieder mal festgestellt, wie blöd manche Leute sein können.
Da kam so ein Spasti von hinten (noch nicht so alt, aber, wie schon gesagt, ziemlich beknackt), also, der kam da an, und wußte nicht, wie er an uns vorbeikommen sollte. Über so viel Blödheit mußte ich natürlich lachen, und das hat der Spast gesehen und bildet sich darauf tatsächlich was ein, denn als er dann vorbeigegangen war, dreht er sich um und lacht mir zu! Ich war natürlich nicht darauf gefaßt, sonst hätte ich eine künstlich-überhebliche Miene aufgesetzt, doch dann blieb er an einem Schaufenster stehen und tat so, als betrachte er die Bücher (nur ein Vorwand, dessen bin ich mir sicher), und da hatte ich die Gelegenheit und behandelte ihn wie Luft, d. h. wie nicht vorhanden. Nachher freute ich mich unheimlich, den Spasti so schön verarscht zu haben, obwohl das gar nicht in meiner Absicht gelegen hatte. Ich kann jedenfalls solche Typen nicht ausstehen.
Udo zum Beispiel hat mir noch nie zugelacht (d. h. seit es wieder angefangen hat, vielleicht schon mal in der Schule), aber ich finde ihn süß. Wenn mir einer gefällt, grinse ich ihn auch nicht gleich an, weil das meistens aufdringlich wirkt.
So, jetzt habe ich sieben Seiten mit solchem unwichtigem Zeug gefüllt, es reicht jetzt wirklich.
Außerdem kriege ich sonst einen Krampf in der Hand. Ich schreibe auch schon ganz wacklig!!!

Samstag, 12.11.77

Donnerstag beim Volleyballtraining war Michael wieder da, Joachim auch. Um halb zehn ungefähr fingen wir mit dem Spiel an. Toni sollte bei der Herrenmannschaft mitspielen, daher kam Arno H. zu uns. Joachim erschien auch bald darauf. Erst war er nur Schiedsrichter, dann spielte er mit. Gegen Ende kam dann Michael zu uns. Später, als ich rauskam, stand er nicht mehr draußen wie das letzte Mal. Das hatte ich auch nicht erwartet.
Donnerstag hatten wir natürlich wieder Orgelstunde. Als wir in den Bus stiegen, war Udo noch nicht da, aber ich wußte, daß er noch kommen würde. So war es dann auch. Leider habe ich ihn kaum gesehen, denn es saßen ein paar Leute zwischen uns. Als er dann ausstieg, habe ich ihn wieder gesehen. Aber er blickte nicht mal zu mir herüber. Das kann natürlich auch Zufall gewesen sein. Nächsten Mittwoch werde ich ihn nicht sehen, erstens habe ich dann kein Physik und außerdem ist da sowieso Feiertag. Aber auf einen Tag mehr oder weniger kommt es auch nicht an, denn am Donnerstag sehe ich ihn auf jeden Fall.
Heute hatte wir wieder mal Sport. Aber es macht nicht so viel Spaß wie beim TSV. Wir haben zwar ein Spiel gemacht, aber das war ziemlich blöd, weil die meisten in unserer Mannschaft schlecht sind. Ich glaube, das lag nur an der Zusammenstellung, denn Dienstag hat es mir sehr gut gefallen.
Andreas H., der auch im Volleyballkurs ist, kann ich ganz gut leiden, er sieht auch süß aus, aber ich mache mir keine Illusionen. Er ist sowieso unwichtig. Genauso wie zum Beispiel Andreas M. oder Joachim oder Frieda, usw. Was zählt ist klar, nur ist da noch ein Problem: wie soll man sich kennenlernen, bzw. ins Gespräch kommen? Wenn er es auch will, wird sich eine Lösung finden. Ich bin optimistisch!

Sonntag, 20.11.77

Am Donnerstag war der langersehnte Tag endlich wieder einmal da. Dieses Mal fuhr Stefanie mit uns nach Groß-Gerau, zum zuschauen. Wir saßen schon eine Zeitlang im Bus, als endlich der andere kam. Udo setzte sich natürlich wieder hinten hin. Dabei lachte er, aber ich weiß nicht, warum. Bestimmt nicht wegen mir! Dann redete er die meiste Zeit mit seinem Freund, der hinter ihm saß, und daß ärgerte mich. Aber die Fahrt war kurz, und das ist noch viel schlimmer.
Heute abend feierte Sigrid ihren Geburtstag nach. Ich hatte zwar überhaupt keine Lust hinzugehen, ging aber schließlich doch, und das war gut so, denn es war ganz lustig. Wir waren im Party-Keller und machten dort einige Spielchen. Ich blieb aber nur bis um 11, denn morgen schreiben wir einen Musik-Test, und ich habe kaum Ahnung vom sinfonischen Prinzip.
Von IYS bekam ich am Freitag eine neue Adresse; ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet. Er heißt Kai-Ove und lebt in Norwegen. Ich schrieb ihm natürlich sofort und hoffe jetzt, daß er mir bald antwortet.
Im „Stern“ las ich heute einen Bericht über Träume. Ich habe nun die Absicht, mich näher damit zu beschäftigen. Darin stand auch, daß man die Träume, wenn man nur will, am nächsten Morgen noch wissen kann. Man kann auch im voraus seine Träume bestimmen. Durch Träume erfährt man mehr über sich selbst. Ich werde es also versuchen.
Im gleichen Stern ist auch ein Bericht über Fluchthelfer. Einer davon, er war damals 19, wurde ohne sein Wissen zum Fluchthelfer. Das ist aber nicht das Wichtigste. Mehr interessiert mich das Bild. Er sieht nämlich Udo unheimlich ähnlich. Das meine ich jedenfalls. Wenn ich ihn mit dem Bild vergleichen würde, käme ich vielleicht zu einem anderen Ergebnis. Ende! Der Füller macht nicht mehr mit und ich bin zu faul, eine neue Patrone zu holen.

Dieses Tagebuch beende ich heute und beginne noch am gleichen Tag das neue.
Ich habe in der ganzen Zeit wohl viel blödes Zeug geschrieben, aber trotzdem wird es in einigen Jahren interessant sein, das zu lesen und sich daran zu erinnern.
Ich habe mich in diesen drei Jahren doch sehr verändert, obwohl ich in Bezug auf Jungen ungefähr noch den gleichen Geschmack habe. Vor zwei Jahren nämlich gefiel mir Udo, wie auch heute wieder.
Trotzdem bin ich erwachsener geworden.
(Ich hoffe es jedenfalls!)
Trebur, 21.11.77 Sabine

Montag, 21.11.77

Grundkenntnisse aus der Traumforschung
Wir können uns „vornehmen“, unsere Träume zu behalten. Vor dem Einschlafen sollen wir uns mehrmals sagen: „Ich werde meinen Traum nicht vergessen!“ Es ist eine oft bestätigte Erfahrung, daß dieser Vorsatz zum Erfolg führt. Ebenso können wir uns vornehmen, von bestimmten Personen oder Problemen zu träumen, also unser Unbewußtes gleichsam um eine Stellungnahme zu bitten. Auch das gelingt erfahrungsgemäß häufig.
Wir sollen unsere Träume in präzise Sätze fassen und diese Sätze dann befragen. Zum Beispiel: Was fällt mir zu der Schokoladentorte ein, die ich im Traum gesehen habe? Ist sie meine Lieblingstorte? Mag ich solchen Kuchen? Bei welcher Gelegenheit habe ich die Torte gegessen? Wer saß mit am Tisch? usw.
Wir sollten den Traum aufschreiben. Dadurch verschaffen wir uns noch größere Klarheit über das Traumgeschehen. Außerdem können wir die Träume sammeln und miteinander vergleichen. Wir stellen dann fest, daß ein Problem Thema verschiedener Träume sein kann.
Wir müssen herausfinden, in welcher Stimmung wir im Traum waren. Haben wir uns geärgert? Waren wir erfreut? Erregt? Niedergeschlagen? Dasselbe gilt fürs Aufwachen. Sobald wir die Augen aufschlagen, müssen wir registrieren, welche Laune wir haben. Die Laune stammt meistens noch aus dem letzten Traum.
Wir müssen uns immer bewußt sein, daß die Symbole im Traum unendlich viele Bedeutungen haben können. Ein Igel kann ein Problem symbolisieren. Drei Personen können in einer erscheinen. Etwa so: Die Person im Traum hatte Locken wie X, eine Nase wie Y, und der Ring an ihrem Finger erinnert mich an Z, der ein solches Schmuckstück trägt. Im Traum ist alles möglich.
Sigmund Freud glaubte, unsere Träume würden sich ausschließlich mit unseren verdrängten, nicht bewußten Wünschen beschäftigen, mit jenen Begierden und Regungen also, von denen wir überhaupt keine oder nur ein vage Ahnung haben. Diese Annahme wurde von dem Traumforscher Erich Fromm zwar nicht widerlegt, aber eingeschränkt. Nach Meinung des Professors können Träume einen Menschen auch leiten, führen, an seine Moral appellieren oder ihn auf künftige Gefahren aufmerksam machen. Dessen sollen wir uns beim Deuten unserer Träume bewußt sein. Unsere Träume beschäftigen sich mit unserem ganzen Leben, mit unserer ganzen Persönlichkeit samt deren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Den letzten, aber wichtigen Rat hat uns Sigmund Freud gegeben. Damit die Traumdeutung gelingt, müssen wir jeden Gedanken prüfen, der uns zu unserem Traum einfällt, also auch jene, die uns unsinnig erscheinen. Vor allem aber müssen wir sorgfältig jedes Detail unseres Traumes befragen.
Traumsymbole
Abgrund:
Ein Gefahrensignal. Steht meist für Lebensschwierigkeiten. Ich stehe vor einem Abgrund! Oder: Abgrundtiefes Leid. Kehre ich vor dem Abgrund um? Verschlingt mich der Abgrund (mein Leid, mein Problem)?
Amputation:
Zum Beispiel der Hand. Das deutet auf Handlungsunfähigkeit hin. Ist ein Bein amputiert, habe ich Schwierigkeiten mit dem Fortkommen oder dem Wechsel meines Standpunktes.
Auge:
Symbolisiert den seelischen Zustand. Wie blickt das Auge? Mutig? Schüchtern? Freudig? Entschlossen? Und was sieht es? Die Gefahr? Das Unglück? Keinen Ausweg?
Bein:
Steht für Standhaftigkeit oder Unsicherheit. Auf starken oder schwachen Beinen stehen. Gelähmte Beine: Ich kann nicht fliehen, bin einer Schwierigkeit ausgeliefert. Ich bin gelähmt vor Schreck.
Donner:
Hinweis auf eine drohende seelische oder körperliche Entladung. Angestaute Wut will explodieren oder: eine Krankheit will heraus.
Fall:
Versinnbildlicht meistens Lebensangst. Eine Aufforderung, daß wir unser Fühlen und Handeln überprüfen sollen – sonst fallen wir herein. Oder etwas (eine Hoffnung) fällt wie ein Kartenhaus zusammen.
Feuer:
Steht für Energie, Gefühl (z. B. Liebe). Loderndes Feuer: Hemmungslosigkeit. Wärmendes Feuer: Wunsch nach Geborgenheit.
Fliegen:
Wunsch nach Unbeschwertheit. Ich will meine Schwierigkeiten wie im Flug überwinden. Ein Höhenflug mahnt zur Selbstkritik. Ich will zu hoch hinaus.
Geburt:
Manchmal Sehnsucht nach einem Kind. Meistens aber versinnbildlicht die Geburt den Neubeginn von Gefühlen, Einsichten, usw.
Gefäß:
Häufig Symbol für das weibliche Geschlechtsorgan.
Gehen:
In welche Richtung geht es (das Leben)? Oder: Es geht nicht mehr weiter. Ich weiß nicht, wo es lang geht.
Geld:
Symbol der Macht und des Selbstbewußtseins. Geld verlieren bedeutet oft: Schwund an Selbstvertrauen. Geld zählen kann eine Mahnung zur Sparsamkeit sein.
Gewalt:
Die Anwendung von Gewalt läßt auf Minderwertigkeitsgefühle schließen. Sie ist eine Aufforderung zur Disziplin.
Glas:
Steht für Empfindlichkeit, Zerbrechlichkeit. Es kann auch heißen: Ich durchschaue ein Problem glasklar.
Haus:
Oft symbolisiert es einen Zufluchtsort, Schutz vor der Umwelt. Es deutet auf ein Bedürfnis nach Sicherheit hin.
Himmel:
Steht für unsere Stimmungslage. Himmelhochjauchzend, Himmel voller Geigen. Trüber Himmel: Neigung zu Depressionen.
Hindernis:
Oft Behinderung in der seelischen Entwicklung. Stein im Weg. Knüppel zwischen den Beinen.
Insel:
Ich bin allein, einsam.
Katze:
Symbol für die weibliche Sexualität.
Klein:
Erscheine ich im Traum kleiner, als ich bin, deutet das auf einen Mangel an Persönlichkeit hin. Die Verkleinerung ist also eine Aufforderung zu mehr Mut.
Kot:
Symbolisiert selten Abfall, sondern häufig Geld und Wohlstand. Darum auch: Geld stinkt nicht.
Meer:
Symbol für das psychische Befinden. (Beispiel: Ich schwimme in einem Meer voll Seligkeit.) Allgemein steht das Meer für viel Gefühl und Energie. Es kann über die Ufer (Vernunft) treten und alles zerstören.
Mord:
Gewaltsam etwas beseitigen. Ich könnte (mich, ihn) vor Wut umbringen.
Nacht:
Dunkelheit, Angst, Zweifel.
Nackt:
Oft ein Hinweis, daß andere uns durchschaut haben. Wir sind nackt, preisgegeben. Oder: Wir verheimlichen nichts. Wir sind „wahr“, zeigen, was unsere Kleidung (Tarnung) verhüllt. Auch steckt dahinter oft der Wunsch, unbefangen wie ein Kind zu sein.
Operation:
Unangenehme Gefühle oder Erlebnisse werden gewaltsam entfernt.
Reise:
Symbolisiert meistens den Abschied von Gefühlen und Personen.
Schatten:
Prestigeverlust. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst.
Schuh:
Weibliches Geschlechtssymbol.
Schwimmen:
Zeigt oft körperliche und seelische Gelöstheit an. Ängstliches Schwimmen: Ich habe Furcht, unterzugehen. Die Wellen (Probleme) schlagen über mir zusammen.
Spalte:
Weibliches Sexualorgan.
Stange:
Männliches Geschlechtsorgan.
Tal:
Steht oft für Tiefpunkt.
Tag:
Klarheit, Sicherheit. Warten wir, bis es Tag wird, dann können wir die Probleme in Angriff nehmen. Es wird immer wieder Tag.
Uhr:
Oft Ermahnung, daß es schon zu spät ist.
Waffe:
Hieb-, Stich- und Schußwaffen symbolisieren die männliche Sexualität.
Wald:
Die Gesamtheit unseres Erkennens und Wissens. Ich sehe vor lauter Bäumen keinen Wald mehr. Das heißt: Meine Gefühle, Gedanken sind so zahlreich, daß ich die Übersicht verloren habe.
Wurm:
Nagendes Gefühl. Es wurmt mich.
Zähne:
Zeichen für Aggresionen. Etwas verbissen sehen. Sich festbeißen an einem Problem. Zahnverlust veranschaulicht Impotenz.

Sonntag, 27.11.77

Bis jetzt bin ich noch nicht dazu gekommen, meine Träume zu analysieren. Erstens hatte ich ehrlich gesagt keine Lust, mich intensiv damit zu beschäftigen, und zweitens vergesse ich meistens die wichtigen Details, die doch hauptsächlich von Bedeutung sind. Aber ich werde versuchen, nun damit anzufangen, am besten heute (nacht), und morgen früh schreibe ich mir das Wichtigste auf, damit es mir in Erinnerung bleibt. Das kann ich gut während der Busfahrt machen. Bevor ich das alles über Träume aufgeschrieben hatte, vergingen natürlich ein paar Tage, und daher komme ich erst jetzt dazu, von der vergangenen Woche zu berichten.
Am Mittwoch nachmittag hätte ich nach meiner Rechnung Physik gehabt, aber nach der Rechnung von A. hatten wir kein Physik. Ich hätte zwar nach Hause fahren können, aber da ich unbedingt Udo sehen wollte, ging ich erst in die Bücherei und las mein Buch zu Ende. Dann machte ich mich auf den Weg in die Stadt. Ich ging dabei, wie immer, die Straße am Theater vorbei. Es waren keine Leute zu sehen außer zwei Jungen in einiger Entfernung, auf meiner Straßenseite. Als ich näher kam, hatte ich schon ein merkwürdiges Gefühl, da die beiden so komisch guckten. Ich war schon halb entschlossen, die Treppen hochzugehen, konnte mich aber nicht entscheiden und ging also weiter. Meine Nervosität steigerte sich mit jedem Schritt. Ich wünschte, ich wäre einen anderen Weg gegangen. Als ich die beiden dann erreichte, kam, was ich schon vermutet hatte. Einer von ihnen quatschte mich an. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, denn im ersten Moment war der Schreck zu groß. Das war natürlich Unsinn, denn was sollten sie mir schon antun. Ein paar hundert Meter entfernt standen die ersten Häuser. Außerdem waren die beiden äußerst harmlos, wie sich später herausstellte, nur ziemlich lästig. Es waren Ausländer (kein Vorurteil!), der jüngere war etwa 13 oder 14, der andere etwas älter. Sie redeten alles mögliche (kennen wir uns nicht), dann immer häufiger die Frage: „Gibst du mir einen Kuß.“ Nur unter dieser Bedingung wollten sie abziehen.
Ich fragte den Kleinen, wie alt er denn überhaupt sein, und er behauptete, er sei 16, was natürlich gelogen war. Daraufhin meinte ich, er sähe aus wie 10 und benähme sich wie 5. Mit allen Mittels versuchte ich, sie loszuwerden. Aber es half nichts. In der Waldstraße liefen natürlich ein paar Leute herum, aber auch das schreckte die beiden nicht ab. Ich beschloß, in irgendein Geschäft zu gehen, fand das aber dann doch schlecht, weil sie ja draußen warten könnten. Dann, als allerletzte Rettung fiel mir ein, zum Orgelstudio zu gehen. Doch als ich schon beim Überqueren der Straße dort war, gaben sie endlich auf und hauten ab. Ich war natürlich unheimlich froh, daß sie endlich weg waren, denn es ist doch ziemlich lästig, wenn sich jemand wie eine Klette an einen hängt. Später fiel mir dann ein, daß ich sie nach dem Grund ihres Tuns fragen hätte können. Aber daran hatte ich natürlich nicht gedacht. Ich bezweifle auch, ob sie mir überhaupt darauf geantwortet hätten. Ich glaube nicht.
Udo fuhr nicht mit meinem Bus, doch ich war nicht enttäuscht, weil ich das gewußt hatte. Aber ich hatte keineswegs damit gerechnet, daß sein Bus erst viel später in Trebur ankommen würde. Darüber ärgerte ich mich natürlich, aber immerhin konnte ich mich damit trösten, daß ich ihn am nächsten Tag sehen würde.
Am Donnerstag kam sein Bus auch wieder später. Normalerweise steigt er hinten ein, doch wegen der Kälte waren die Türen geschlossen, so daß er vorne einsteigen mußte. Er sah mich an, ich ihn auch, doch nicht sehr lange, nicht mehr, als er an mir vorbeiging. Aber ich glaube, daß er mich im Vorbeigehen noch ansah. Was ich äußerst ärgerlich finde ist, daß er immer hinten sitzt. Anfangs saß ich auch immer dort, aber das ist mir jetzt zu blöd, da sitzen nämlich noch ein paar Spastis. Falls ich am Mittwoch Physik habe, fahre ich aber mit dem Bus um vier Uhr, weil ich Udo sowieso nicht sehe.
Andreas ist nicht mehr wichtig. Obwohl ich vor ein paar Tagen von ihm geträumt habe. Aber das muß ja nicht bedeuten, daß ich in ihn verliebt bin, wenn es auch im Traum so war. Charly ist mir in letzter Zeit auch wieder aufgefallen, aber er scheint etwas hohl zu sein, denn in letzter Zeit fährt er immer mit dem Auto in die Schule, obwohl er in Rüsselsheim wohnt. Wahrscheinlich nur aus Angabe. Dann läuft da noch so ein blonder Jüngling (13.) rum, der mir aufgefallen ist, weil er ein paar Mal nach mir geguckt habt. Aber so wie der rumläuft scheint es, als finde er sich sehr schön. Nicht wegen der Kleidung, sondern allgemein. Ich darf übrigens gar nicht darüber lästern. Ich bin nämlich selbst ziemlich eitel, und finde manchmal, daß ich gar nicht so schlecht aussehe. An anderen Tagen finde ich mich zum Kotzen! Manchmal überlege ich, woran es wohl liegt, daß ich noch nie einen Freund hatte. Am Aussehen bestimmt nicht. Sogar Elke hat einen, vermute ich, ich muß sie noch näher ausfragen, er heißt Martin, studiert Theologie, hat blonde Löckchen und stellt andauernd blöde Fragen, die mir auf die Nerven gehen würden.
Ich bin gerade zu dem Entschluß gekommen, daß ich bei Udo mehr wagen will. Also keine so große Zurückhaltung mehr. Ich könnte ihm zum Beispiel zulächeln, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Was habe ich denn zu verlieren? Nichts, denn ich besitze doch gar nichts. Und falls er mich nicht mag, werde ich wohl ziemlich enttäuscht sein, aber darüber hinwegkommen. Ich kann also nur etwas gewinnen. Und wenn es auch nur eine nette Erinnerung ist. Das muß ich mir immer vor Augen halten. Ich glaube, ich bin in der letzten Zeit ziemlich vernünftig geworden und auch erwachsener. Es wird auch Zeit bei mir. Ich habe mit 17 noch nicht mal das erlebt, was andere schon längst hinter sich haben (mit den anderen sind jüngere gemeint). Aber die ganzen Jahre war es so, daß ich mich noch nicht für reif genug hielt. Was natürlich Unsinn war!

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