Oktober 1977

Dienstag, 4. Oktober 1977

Oktober 1977

Ich sterbe bald vor Ungeduld. Jeden Tag komme ich nach Hause, und hoffe, daß ein Brief für mich da ist. Aber bis jetzt hatte ich noch kein Glück.
Glück auch in anderer Hinsicht nicht. Beim letzten Tanztee war Andreas natürlich wieder da, doch er tanzte nicht mit mir. Frieda und Uli waren erstaunlicherweise auch anwesend, aber, wie man sich denken kann, tanzten sie nicht. Das würde auch nicht zu ihnen passen. Doch zurück zu Andreas. Ich kenne ihn nur vom sehen, habe aber trotzdem das Gefühl, daß ich mich mit ihm prima verstehen würde. Manchmal glaube ich, daß er sich doch ein bißchen für mich interessiert, aber das ist sicher nur wieder Einbildung. Es wäre schön, wenn ich die Möglichkeit hätte, ihn näher kennenzulernen, aber zur Zeit sehe ich noch keine günstige Gelegenheit.
Nächstes Jahr fahre ich im Sommer nach Frankreich, d. h. ich mache eine Sprachreise, weil ich in französisch (allgemein gesehen) ziemlich schlecht bin.

Samstag, 15.10.77

Heute morgen hatte ich die erste Stunde frei. Zuerst strickte ich ein bißchen, dann ging ich auf die Toilette und anschließend in den ersten Stock. Als ich wieder runter kam, standen ein paar Leute am Vertretungsplan. Andreas war auch dabei. Ich strickte dann weiter. Er sah sich die Bilder von den Bundesjugendspielen an, dann stand er eine Weile draußen. Kurz vorm Klingeln holte er seine Tasche; dabei sah ich ihn flüchtig an. Er mich auch. In der zweiten Pause ging er einmal in einiger Entfernung an mir vorbei, ohne mich aber zu sehen. In Sport waren wir nur fünf Leute. (Eberthalle wegen Volleyball-Turniers belegt, unsere Sportkurse in MPS-Halle, sollten aber rausgehen, meisten kein Zeug für draußen dabei). Daher kam es, daß wir in der kleinen Gruppe erst Volleyball und dann eine Art Handball spielten. Da Andreas im Fußballkurs ist, sah ich ihn natürlich. Einmal holte ich unseren Ball, und er sah zu mir hin, er lachte, und ich auch, und daraufhin bildete ich mir natürlich gleich wieder ein, daß ich ihm gefalle! Ich kann noch nicht mal vernünftig denken.
Heute nachmittag war ich in Rüsselsheim bei den deutschen Volleyballmeisterschaften der Junioren. Es war ganz interessant, doch morgen erst findet das Finale statt.
Doch mir macht es sehr viel mehr Spaß, selbst zu spielen.

Samstag, 22.10.77

Ich wünschte, ich könnte den gestrigen Abend vergessen. Aber er taucht immer wieder wie ein schrecklicher Alptraum auf. Also, gestern fand unser Klassentreffen statt. Am Anfang war nicht viel los, später aber dann (Sigrid und Christina waren schon weggegangen zur Landjugend, was ich äußerst blöd fand), machten wir ein paar Spiele. Das letzte war furchtbar. Man mußte sagen, was einem am anderen am besten gefällt, und ganz am Ende muß man das küssen. S. fand mein Lächeln am schönsten, also mußte er mich auf den Mund küssen. Um nicht als Spielverderber dazustehen, blieb mir gar nichts anderes übrig als mitzumachen. Übrigens mußte Thomas T. Frau S. küssen.
Danach ging ich sofort. Es war nämlich schon 12 Uhr. Ich fühle mich jedesmal so „beschissen“, wenn ich daran denke. Wahrscheinlich liegt es daran, daß meine Erfahrungen mit Jungen gleich null sind. Aber ich bin nun mal so, und ich will auch gar nicht anders sein.
Ich denke lieber an Andreas. Als ich heute in der Pause zum Neubau ging, stand er draußen, so, daß alle an ihm vorbeigehen mußten. Als ich gerade an ihm vorbeiging, drehte er sich um und sah mich an. Natürlich war das nur ein Zufall. Er hat wunderschöne blaue Augen. Ich mag Leute mit blauen Augen; oft liest oder hört man, daß blaue Augen kalt seien, aber ich finde sie schön, weil sie hell und klar sind und man kann darin die Gefühle und Stimmungen des Menschen erkennen. Dunkle Augen dagegen haben etwas Geheimnisvolles an sich, weil sie unergründlich sind. Allerdings habe ich auch schon schlechte Erfahrungen gemacht (s. Jacky).
Zur Zeit bin ich wieder in ein paar Jungen gleichzeitig verliebt, aber das ist bei mir normal. Und alle drei sind jünger als ich. Erstens Andreas, was ja klar ist. Dann Udo aus Geinsheim, der, wie ich, in die Realschule in Trebur ging und jetzt in Rüsselsheim arbeitet. Donnerstags haben wir Orgelstunde bei der VHS Groß-Gerau, dann fahren wir mit dem Bus, mit dem Udo nach Hause fährt. Letzten Donnerstag fuhr ich allein (Ute bekam einen Skianzug, in Mainz), und als ich einstieg, bemerkte ich, daß er nach mir sah, und ich setzte mich absichtlich weiter vorne hin, man soll es ihm nicht zu leicht machen, aber sonst finde ich ihn ganz süß. Süß ist auch Michael, der seit zwei Wochen bei uns im Verein Volleyball spielt, und zwar mit ein paar Freunden. Da sie noch ziemlich neu sind, haben sie bis jetzt bei uns immer bei den Spielen mitgemacht. Er ist auf jeden Fall jünger als ich, ich vermute zwei Jahre. Am Donnerstag beeilte ich mich mit dem Duschen, weil ich ihn noch einmal sehen wollte. Als ich rauskam, war er nicht zu sehen, doch um die Ecke am hinteren Schulhof stand eine Gruppe. (Intuition, was denn sonst!). Das müssen sie gewesen sein. Ich konnte es bei der Dunkelheit nicht genau erkennen. Irgendjemand rief mir zu: Tschüs. Und: bis nächsten Donnerstag und ich sagte auch tschüs. Und ich wußte nicht einmal wer es war.
Doch bei Michael ist es wieder anders als bei Andreas. Ihn möchte ich gern als Bruder haben, weil ich ihn unheimlich gern mag.

Samstag, 29.10.77

Donnerstag nachmittag war ich in Rüsselsheim, eigentlich nur wegen Udo, um dann mit dem gleichen Bus wie er nach Hause zu fahren. Ich hatte unheimlich viel Zeit und daher Mühe, sie herumzukriegen. Doch das war ja nicht das Schlimmste. Das kam noch. Udo fuhr nicht mit dem Bus. Ich war natürlich enttäuscht, aber es war auch nicht so wichtig.
Abends hatten wir wieder Volleyballtraining. Später spielten die Jungen wieder bei uns, aber Michael war in der gegnerischen Mannschaft. Als ich nach dem Duschen rausging, dachte ich gar nicht daran, daß er noch da sein könnte. Aber er stand tatsächlich noch an der Schule, ich vermute mit Roland. Als ich vorbeifuhr, schaute ich genau hin, um zu sehen, ob er es ist. Michael fragte mich, ob ich Feuer hätte, was ich verneinte, und dann meinte er: „Du rauchst wohl nicht?“, worauf ich ebenfalls mit „nein“ antwortete, und dann sagte er: „Ich auch nicht.“ Ich fuhr weiter, doch nicht so schnell wie sonst. Tatsächlich fuhren die beiden dann auch los. Ich hörte dann, wie sie sich verabschiedeten, und als ich an der Rüsselsheimer Straße warten mußte, war Michael plötzlich neben mir.
So kam es, daß wir ein ganzes Stück zusammen weiterfuhren. Dabei hatte ich Gelegenheit, ihn ein bißchen auszufragen. Er ist 14 (ich dachte 15), wohnt in der E.straße und geht in die Gesamt-Schule in Groß-Gerau.
Als ich nach Hause kam, erzählte ich Ute und Marita davon. Sie waren noch wach, weil wir eine Mitternachtsparty veranstalten wollten. Ute ärgerte sich, daß sie nicht an diesem Abend mitgegangen waren (zum zuschauen), denn freitags kommt Michael nicht. Gestern abend sind sie aber dann doch mitgegangen. Wir waren diesmal wieder ziemlich viele, 14 Leute. Ute erzählte mir später, daß Joachim wahrscheinlich in Herta (BSC) verknallt ist. Als Zuschauer kann man das besser feststellen.
Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf nächsten Donnerstag, denn Volleyball macht unheimlich viel Spaß und natürlich liegt das auch daran, daß Michael wieder da sein wird. Wenn er älter wäre, hätte ich mich glatt in ihn verliebt. Garantiert! (Er schätzte mich übrigens auf 16 Jahre).
Montag sehe ich Andreas wieder. Ich weiß nicht, ob er mir noch etwas bedeutet. Ich glaube aber doch. Ich habe ihn nur zu lange nicht gesehen.

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