September 1977

Dienstag, 6. September 1977

September 1977

Gestern, Montag, war der erste Schultag. Ich gehe nun schon in die 12. Klasse. Ein paar Neue sind auch bei uns in 12, sie müssen (oder wollen) dieses Jahr wiederholen. Ich kann aber noch nicht viel zu ihnen sagen, ich sah sie heute das erste Mal im Bio-Kurs bei der A. Von den beiden, Heinz-Werner B. und Jürgen H., gefällt mir letzterer eigentlich am besten. Aber das ist jetzt auch nicht weiter wichtig.
Unser Physik-Kurs besteht bis jetzt erst aus 9 Leuten, davon zwei Jungen aus der 13. Klasse, die nicht die Möglichkeit haben, einen anderen Kurs zu besuchen.
Letzte Woche sah ich ganz zufällig die Jugendzeitschrift POP und kaufte sie mir. Ich finde POP ganz gut, es sind viele Berichte über Stars und Gruppen drin, und außerdem enthält sie die deutsche Ausgabe vom Melody Maker. Was ich noch gut finde ist, daß keine Aufklärung und keine Romane in POP zu finden sind, so wie es in Bravo ist. Die Themen wiederholen sich doch von Zeit zu Zeit mit einigen Abwandlungen und die Romane langweilen furchtbar. Einzige Ähnlichkeit ist eine Photo-Story, allerdings ohne Fortsetzung, die jeweils ein Problem von Jugendlichen darstellt, das sich in der gezeigten oder einer ähnlichen Form tatsächlich ereignen könnte.
Und dann, – ja dann sah ich seine Anzeige. Im „Kontaktladen“ von POP. Ich sah mir natürlich die Bilder der Jungen an, und sah auch sein, beschloß aber nicht sofort, ihm zu schreiben, nein, das kam erst allmählich. Abends schrieb ich ihm dann einen Brief. Er heißt übrigens Stefan und wohnt in der Schweiz, ich vermute in der französischen Schweiz. Vielleicht hat er meinen Brief schon bekommen! Jetzt kann ich nur noch hoffen, daß er mir antwortet.
Unser Volleyballtraining wurde allerdings aus technischen Gründen vom Freitag auf Donnerstag verlegt, wir trainieren dann zur gleichen Zeit wie die Herrenmannschaft, und nach einer Weile, so sagte unser Trainer, werden jeweils die besten sechs Leute zusätzlich noch Freitags gemischt spielen. Hoffentlich habe ich soviel Begabung im Volleyballspielen, daß ich dazugehöre!
Übrigens geht Andreas M., ja, der aus Raunheim, jetzt auch in unsere Schule. Dabei muß in an Tanztee denken. Wahrscheinlich gehe ich bald wieder mal hin.
Aber eigentlich muß ich sparen. Denn ich bin ganz verrückt auf Pferde und Reiten. Mit der Landjugend war ich einmal, wir sind eine Viertelstunde geritten, und man kann sagen, ich habe mich mit Mühe und Not im Sattel gehalten. Das zweite Mal war ich mit Elke in Büttelborn. Dort gibt es ganz tolle Pferde und es hat sehr viel Spaß gemacht. Dieses Mal klappte es auch bedeutend besser. Nur ist es eben sehr teuer, 11 Mark kostet die Stunde. Aber einmal im Monat kann man es sich doch leisten.

Sonntag, 11.9.77

Seit gestern fühle ich mich ganz toll. Hauptsächlich hängt das von unseren Sportkursen ab. Gestern, das erste Mal, wurden alle (aus beiden Kursen) in 8 Mannschaften eingeteilt. Ich kam mit Andreas in eine Mannschaft. Dem Zufall sei dank! Mit dem Spielen ging es auch ganz gut, fand ich. Das nächste Mal werden die Kurse endgültig eingeteilt. Und zwar können wir das selbst machen. Ein Kurs für Anfänger und die nicht so guten, der andere für die besseren. In welchen Kurs ich gehe, ist wohl sonnenklar. Dann komme ich mit Frieda, ich meine mit Andreas zusammen. Eigentlich sieht er überhaupt nicht gut aus, und einige äußern sich ziemlich abfällig über ihn (und auch über Uli!). Diese Bemerkung bezieht sich hauptsächlich auf Ingrid L., die ich von Anfang an schon nicht riechen konnte. Ich jedenfalls kann Andreas, soweit ich ihn kenne, ganz gut leiden, und jedenfalls kann man mit ihm zusammen gut Volleyball spielen. Ich freue mich unheimlich auf nächsten Samstag. Ich hoffe nur, daß unser Kurs nicht überfüllt wird und ein paar raus müssen. Aber jedenfalls bin ich im Vorteil, weil ich sagen kann, daß ich im Verein spiele. Und das macht schon einen ganz guten Eindruck. Daß ich erst seit April spiele, weiß doch keiner.

Mittwoch, 14.9.77

Seit ein paar Tagen habe ich kaum noch Freizeit. Montag ging es noch, ich hatte nur die 7. Stunde Französisch und war etwa um viertel vor drei zu Hause. Gestern hatte ich nur fünf Stunden, war aber nachmittags einkaufen und dann habe ich Schokoladeneis selbstgemacht, und später hatte ich noch etwas für Englisch zu tun. Heute nachmittag von zwei bis halb vier hatten wir Physik, und ich war um halb fünf zu Hause. Morgen gehen fast alle Leute aus dem GK-Kurs ins Kino. Gezeigt wird: „Hitler – eine Karriere“. Das können wir für den Unterricht gebrauchen. Freitag aber habe ich voraussichtlich nur vier Stunden, d. h., wenn das mit der 7. Stunde anders geregelt wird, wie uns A. heute mitteilte.
Bevor ich zu meinem Traum komme, muß ich noch etwas vorausschicken: Da wir jetzt mit dem Schulbus fahren, sind wir morgens um kurz nach acht an der Schule. Ich gehe dann über die Haßlocher Straße hinten herum. Andreas kommt auch immer so kurz nach acht, und so kam es, daß ich ihn gestern gesehen habe. Er war aber noch ein ganzes Stück weiter hinten und daher haben wir uns nicht „getroffen“.
Das mußte alles mal gesagt werden, und nun komme ich zu dem Traum, den ich heute nach hatte:
Ich saß auf der einen Seite der Haßlocher Straße und schrieb etwas. Dann überquerte ich die Straße und ging weiter in Richtung Schule. Plötzlich hielt mich jemand am Arm fest. Ich drehte mich nach links und sah, daß es ein großer, dünner Mann in Polizeiuniform war. Er fragte mich, ob er mir helfen könne. Ich kam gar nicht dazu, ihm zu antworten, denn plötzlich riß er mir meine Tasche aus der Hand, schüttete alles aus und suchte nach etwas, wahrscheinlich nach Geld. Ich stürzte mich auf ihn und hielt ihn an den Armen fest. Seltsamerweise wurde ich leicht mit ihm fertig. Dann, auf einmal, fiel mir ein, daß eigentlich um Hilfe rufen sollte. Das tat ich dann auch. Die Leute, die vorbeigingen, schienen gar nicht darauf zu reagieren, doch dann kam Andreas mit einem anderen Jungen um die Ecke. Sie schnappten sich den Typ und brachten ihn weg. Gleich darauf fuhren Andreas und ich mit dem Rad weiter. Ich zur Schule und er wollte noch ein Stück weiter in eine andere Schule, weil er das einem Freund versprochen hatte. Kurz darauf aber saß ich neben ihm in der Schule, aber ich glaube nicht, daß wir Unterricht hatten. Wir redeten eine Ewigkeit über alles mögliche und plötzlich dachte ich: „Siehst du, jetzt habe ich es doch geschafft, seine Freundschaft zu gewinnen!“ Der Traum ging noch weiter, aber mit unwichtigem Zeug.
Heute morgen ging ich mit Carola von der Bushaltestelle zur Schule, auf dem selben Weg wie gestern. Und tatsächlich kam auch gerade Andreas. Natürlich beachtete er mich überhaupt nicht. Trotzdem freue ich mich auf Sport am Samstag.
Wenn ich zu meinem Wort stehen würde, dürfte mir Andreas überhaupt nicht mehr gefallen. Für mich gilt nämlich generell, daß mir Typen mit Bart nicht gefallen. Zwar hat Andreas noch keinen richtigen, aber immerhin. Trotzdem ist irgend etwas an ihm, das mich nicht losläßt. Wahrscheinlich nur Einbildung. Denn wenn ich es mir überlege, gefallen mir ziemlich viele Jungen, wie zum Beispiel Andreas M., Charly, Dietmar (im Französisch-Kurs), und tausend andere finde ich unheimlich nett.

Samstag, 17.9.77

Als ich am Donnerstag am späten Nachmittag nach Hause kam, erwartete mich eine riesige Überraschung. Ein Brief aus der Schweiz! Ich konnte es gar nicht fassen und war ganz außer mir vor Freude. Obwohl ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, hatte ich das Gefühl, daß ich an diesem Tag einen Brief bekommen würde. Schon am Mittwoch sagte ich zu Ute: „Das ist doch lustig. Gestern habe ich einen Brief bekommen (aus England), heute hast du einen gekriegt, und morgen bekomme ich vielleicht wieder einen.“
Natürlich war mir klar, daß mein zukünftiger Brieffreund jünger sein würde als ich selbst, denn in Stefans Anzeige stand, daß er 16 Jahre alt ist. Doch nun kam es ganz anders. Erstens war der Brief überhaupt nicht von Stefan, sondern von seinem Freund Beat. Denn Stefan hatte über 100 Briefe erhalten. Aber zudem ist Beat mehr als ein Jahr jünger als ich. Ich schrieb ihm nur, daß ich etwas älter sei als er, da mein Geburtstag am 28.7. ist. Und nicht, daß ich 1960 geboren bin. So brauchte ich wenigstens nicht zu lügen. Nur das mit der Klasse stimmt nicht ganz, denn in die 11. gehe ich schon lange nicht mehr. Doch ich glaube, daß er ganz nett ist, und hoffe, daß er auf meinen zweiten Brief antwortet (den habe ich natürlich sofort abgeschickt).
Ich finde es überhaupt nicht so schlimm, daß er jünger ist. Vielleicht kommt das daher, weil ich mich gar nicht wie siebzehn fühle. Denn mir gefallen auch ziemlich viele Jungen aus der 11. Klasse, für die sich andere meines Alters überhaupt nicht interessieren.
Heute hatten wir wieder mal Sport. A. hat uns ganz schön rumgehetzt, ich war vollkommen fertig, bevor wir überhaupt mit Volleyball angefangen hatten. Nachher spielten wir dann eine Zeitlang. Ich war zufälligerweise wie letztes Mal mit Andreas in einer Mannschaft, außerdem mit Uli. Am Ende, d. h. als wir aufhören mußten, stand es dann etwa 12:6 für uns. Das war schon ganz gut.

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