April 1977

Freitag, 1. April 1977

April 1977

Seit heute haben wir Ferien. Eigentlich freue ich mich. Aber ich würde Charly gern sehen.
Gestern, in der 5./6. Stunde hatte ich Französisch. Vorher, in der Pause, war ich mit Elke zusammen. Charly war auch da, mit ein paar anderen Jungen. Aber ich beachtete ihn kaum, soweit ich mich erinnern kann. Er trug Jeans, Turnschuhe und seine blaue Jacke. Ich hatte extra wegen ihm meine Sportschuhe und meinen Anorak angezogen.
Am Ende der Pause ging ich mit Elke hoch. Als wir zu den Treppen kamen, sah ich Charly. Er ging gerade vor uns. Das hatte ich nicht gewußt, Ehrenwort. Ich bin ganz unschuldig. Elke fragte mich: „Wo seid ihr denn jetzt?“, und ich antwortete: „Im Französischsaal, da sind wir immer …“ ***
Kann sein, daß er es gehört hat. Er hatte wahrscheinlich GK da oben. Wir öffneten hinten ein Fenster, weil unten ein paar jüngere Volleyball spielten. Charly schaute auch zu, aber weiter vorn. Dann kam D. Außer Christina und mir war noch niemand da, und als D. die Tür aufschloß, ging ich einen (oder zwei?!) Schritt(e) zurück. Für einen kurzen Augenblick sah ich Charly noch einmal. Er mich auch!!!
Heute wartete ich in der Pause auf Elke. Sie schrieb noch eine Englischarbeit. Als sie nicht kam, ging ich zu den anderen, die zum größten Teil schon vor der Bücherei standen, da wir in der 3. Stunde eine Versammlung in der Aula hatten.
Heute war ich ganz anders angezogen. Wegen Charly wahrscheinlich. Ich trug meinen Cordmantel und Stiefel. In der Pause hatte ich Charly nicht gesehen. Ich dachte mir, daß er heute vielleicht nicht da sei, oder vielleicht draußen war oder so.
Als ich dann vor der Bücherei stand, sah ich ihn. Er ging vom Neubau zum Hauptgebäude. Er trug eine Lederjacke. Er sah nicht sofort herüber. Aber dann doch. Ich sah ihn nur ganz kurz an. Ich glaube nicht, daß das ein Fehler war. Denn: ein Beispiel: Mir geht es nämlich so: wenn mich ein Junge, der mir nicht gefällt, oft ansieht, dann finde ich ihn noch blöder als wenn er mich nicht beachtet hätte. Vielleicht geht es Charly ebenso. Ich meine, daß ich ihm nicht gefalle. Nach den Ferien werde ich weitersehen.
*** P.S.
Ich bin so blöd. Das wichtigste habe ich vergessen.
Charly war schon fast am Ende der Treppe, als er sich umdrehte. Nein, falsch, er schaute zurück. Er sah mich an. Vielleicht Zufall, würden jetzt einige denken. Ich glaube nicht an Zufälle. Nicht an solche. Alles ist im voraus schon festgelegt. Nicht durch irgendeine überirdische Macht, sondern durch die Handlung des einzelnen Menschen. Jeder bestimmt sein Schicksal selbst. Beispiel: Jemand fragt mich, ob ich ihn heiraten will. Sage ich ja, dann kann ich, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, glücklich werden. Sage ich nein, dann kriege ich möglicherweise nie einen Mann und werde als alte Jungfer enden. Also bestimmt der Mensch selbst sein Leben, durch das, was er denkt, tut und sagt. Ist doch ganz klar, oder?!

Samstag/Sonntag, 2./3. April 77

Heute abend spielte das WF-Ensemble in Trebur. Ich hatte eigentlich gar keine Lust hinzugehen. Anfangs war auch überhaupt nicht viel los. Ich sehnte mich nach Charly. Ich dachte: „Ich würde was drum geben, wenn er jetzt hier wäre“, und überlegte, ob er überhaupt tanzen kann und so.
Plötzlich sah ich ihn. Ich traute meinen Augen nicht. Das war doch nicht möglich! Aber es war so. Er war mit einem Freund da. Er sah mich wahrscheinlich auch. Ich hoffte, daß er mal mit mir tanzen würde, aber natürlich vergebens. Dann war er auf einmal verschwunden. Lange Zeit sah ich ihn trotz meiner Bemühungen nicht. Dann, endlich! Er war wieder da! Und nach einiger Zeit tanzte er sogar mit Christine, der Schwester von Susi. Ich ärgerte mich, daß er nicht mit mir tanzte, beruhigte mich aber damit, daß Christine einen Freund hat. Später zweifelte ich doch daran, ob das noch stimmt, denn die beiden gingen zusammen in die Bar. Erst beim übernächsten, letzten Tanz tauchten sie wieder auf. Diesmal tanzte ich auch. (Das einzige Mal übrigens). Natürlich wollte ich möglichst nah bei Charly sein, und deshalb mußte ich ein bißchen „führen“. Deshalb fragte mich der Typ am Ende, ob ich denn öfters mit Mädchen zusammen tanze und dabei führe, worauf ich antwortete, daß das nicht so sei und dann noch sagte, ich habe es gar nicht bemerkt, tut mir leid. Dabei stimmte das gar nicht. Ich habe tatsächlich geführt, um zu Charly zu kommen.
Diesmal bin ich mir ganz sicher: er wäre der richtige für mich. Ich mag alles an ihm. Sein Aussehen, auch ganz aus der Nähe gefällt er mir noch sehr, was ich bei den meisten anderen nicht behaupten kann. Seine Stimme klingt angenehm. Sein Auftreten, seine Art gefallen mir so. Ich kann einfach nicht glauben, daß er einen miesen Charakter haben könnte. So ein Mensch nicht. Zur Zeit kann ich leider nur Vermutungen anstellen und hoffen. Nach den Ferien werde ich weitersehen. Diesmal sah es so aus, als hätte ich große Chancen, doch an einem Abend wurde alles zerstört. Vielleicht gelingt es mir, aus den Trümmern wieder etwas aufzubauen, ich wünschte, das alles wäre nur ein böser Traum gewesen, aber leider ist es die raue Wirklichkeit, und ich muß damit fertig werden, so oder so.

Montag, 4.4.77

Und ich bin damit fertig geworden, und wie! Ich bin so glücklich wie es ganz selten vorkommt. Besonders gestern abend. Denn da war ich das erste Mal beim Tanztee in der Stadthalle. Mit Elke. Ich hatte eigentlich keine große Lust, aber ich ging doch hin. Am Eingang fragten sie Elke nach dem Party-Ausweis (den bekommt man, wenn man bei Stab im Tanzkurs war. Als ich bezahlte, fragte man mich auch, aber ich sagte, daß ich zu Besuch bei Elke sei, dann wollten sie noch wissen, von wo ich komme, und ich sagte, aus Schweinfurt. Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt. Ein kleinerer Saal mit heller Beleuchtung. Aber das! Der Saal ist ungefähr so groß wie der im Bürgerhaus von Wolfskehlen und die Beleuchtung ist rot! Die Stimmung ist irgendwie ganz toll. So viel wie gestern abend habe ich schon lange nicht mehr getanzt. Und man kennt so viele Leute. Sogar mit dem „Getupften“, Andreas aus meinem Französischkurs habe ich getanzt. Andreas M. war auch da. Er tanzt auch ziemlich gut. Einmal tanzten wir ganz dicht nebeneinander, kann sein, daß gerade großes Gedränge war und daß es einen kleinen Zusammenstoß gab, jedenfalls sah er mich an, und ich lachte, und er lachte auch. Das freute mich. Pünktlich um halb zehn war es dann zu Ende. Viel zu früh, fand ich. Das nächste Mal gehe ich wahrscheinlich (nein, bestimmt!) wieder hin, so gut hat es mir gefallen.

Donnerstag, 21.4.77

Seit Montag haben wir wieder Schule. Ich weiß nicht, ob ich noch in Charly verliebt bin. In den Pausen sehe ich ihn immer. Und am Dienstag nachmittag, als ich mit Ute in Rüsselsheim war, sah ich ihn. Er ging vor uns. Ich kaufte mir ein T-Shirt, das dauerte nicht lange. Dann gingen wir weiter. Er saß ein Stück weiter vorne. Wir gingen an ihm vorbei. Ich sah ihn an. Er mich auch. Dann war ich schon vorbei. Dann kaufte ich mir die Platte: „Le Rêve“ von Ricky King, weil mir dieses Lied unheimlich gut gefällt.
An diesem Tag war ich sehr glücklich.
Heute in der Pause saß ich mit Elke auf der Heizung, Charly saß gegenüber und unterhielt sich mit einem Mädchen. Ich sah manchmal zu ihm hinüber. Einmal sah er mich an, aber ich ihn nicht, warum sollte ich auch, es wird sowieso nichts mit uns. Aber da ist noch Jim. Er hatte eine Freundin. Entweder ist sie jetzt krank oder nicht mehr seine Freundin, denn bisher war er immer allein. Der Freund von Jim gefällt mir eigentlich auch ganz gut. Und was ist mit Wolfgang? Ich weiß es nicht. Sagen wir, uninteressant. Oder Andreas. Beim nächsten Tanztee sehe ich ihn vielleicht wieder. Das würde mich sehr freuen. Doch bis dahin ist noch Zeit.

Montag, 25.4.77

Gestern war ich mit Elke beim Tanztee. Es hat mir ganz gut gefallen, aber das nächste Mal gehen wir früher hin, damit wir einen besseren Platz bekommen.
Charly war auch da! Ich sah ihn gleich am Eingang. Er tanzte später auch öfters, mit verschiedenen Mädchen. Daraus folgt: er hat keine Freundin! 1:0 für mich. Aber er interessiert sich nicht für mich! Gleichstand 1:1. Heute habe ich ihn nur mal kurz in der Pause gesehen. Vielleicht sehe ich ihn morgen nachmittag in der Stadt. Das wäre unheimlich dufte! Wolfgang hat heute morgen ganz süß ausgesehen. Er ist immer noch sehr braun, wenn auch nicht mehr so viel wie nach den Osterferien. Aber ich glaube, ich mag Charly doch ein kleines bißchen mehr.

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